Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (13. September 2020)

von Pastorin Anke Diederichs

Konfirmationspredigt am 14. Sonntag n. Trin., 13.9.2020

„Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist schenke dir seine Gnade. Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, dass Du bewahrt wirst zum ewigen Leben.“                  So lautet der Konfirmationssegen, mit dem Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden nachher von mir eingesegnet werdet. Mit Mundschutz, natürlich.                   

 – Liebe Gemeinde, wir hatten am Dienstag „Trockenübung“ für die Segenshandlung. Da habe ich vergessen, ihn den Konfirmanden einmal vorzusprechen. Schön, dass wir heute endlich eure Konfirmation feiern dürfen. Am 8. März war Euer Vorstellungsgottesdienst, d.h. Ihr habt Euch mit einem selbstgestalteten Gottesdienst der Gemeinde vorgestellt.                                                                      

 Dass Ihr dann nicht am 3. Mai, sondern am 13.September konfirmiert werden würdet, damit hatte am 8. März keiner gerechnet. Wir feiern Konfirmation in einer neuen Ära, einer neuen Zeit. In der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg. Einer weltweiten Krise. Und Ihr seid am Beginn Eures Erwachsenenlebens. Für Eure Eltern und Familien bedeutet das Fest der Konfirmation der Abschluss Eurer Kindheit. Ab heute seid Ihr für Euren Glauben und Eure Seele selbst verantwortlich.                                                                              

 Mich beschäftigt die Frage: Habt Ihr in der Konfirmandenzeit genug erfahren über den christlichen Glauben? Habt Ihr genug gelernt über Gott, der die Welt und die Menschen liebt und barmherzig ist, über Jesus und sein Leben und Wirken, seine Leidensgeschichte und den Glauben an seine Auferstehung von den Toten. Über den Heiligen Geist, diese wunderbare Kraft, die kommt und geht, wann sie will und uns Menschen zur Gemeinschaft verhilft, so dass wir sagen können:  „Gemeinsam sind wir stark!“ oder einstimmen können in den Satz:  „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten können das Gesicht der Welt verändern.“

-Jesus wurde von frommen Männern gefragt, was für Ihn den das wichtigste Gebot im Leben sei, an das man sich halten solle. Er antwortete darauf mit dem Liebesgebot: „Du sollst Gott lieben, deinen Nächsten wie dich selbst.“ Lukas 10,27.

Gottesliebe, Liebe zum Mitmenschen, sich selbst lieben, wie soll das konkret aussehen? Jesus erzählt dazu die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, der einem überfallenen Menschen in der Not hilft. Durch die Geschichte sagt Jesus: Lieben bedeutet Angerührt sein vom Leben, Mitgefühl verspüren, aufmerksam sein, Vertrauen, Selbstvertrauen.                           Das alles hat der Samariter, ein Ausländer, der die sozialen Grenzen außer Acht lässt und hilft. Lieben lernen, das tun wir Menschen von klein auf, als Kinder eher unbewusst, als Erwachsene bewusst. Das bewusste Lieben, das möge auf Eurem Lebensweg immer an Eurer Seite sein.                                                                                                                                            Die Corona - Krise ist heftig, aber sie hat auch gezeigt, dass unser Land im Vergleich mit anderen Ländern gut mit der Krise umgeht.  Ich behaupte, das liegt an den Menschen, die den Geist der Liebe erkannt haben und ihm Raum und Zeit in ihrem Leben geben. Der Mundschutz ist ein Zeichen dafür. Wir tragen ihn alle, um den anderen zu schützen. Der Mundschutz ist ein Zeichen für Mitgefühl und Empathie.

-„Glaube, Hoffnung Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ unter dieser Überschrift haben Eure Eltern Euch zur Taufe gebracht. Mit der Taufe gehört Ihr zur Gemeinschaft der geliebten Kinder Gottes. Dass Euch das einfällt, wenn Ihr einsam seid, Misserfolg erleidet, wenn ihr in Streit und Schwierigkeiten steckt. „Ich bin geliebt, so wie ich bin.“  Das lassen Euch Eure Eltern spüren. Das will Gott Euch spüren lassen: So entsteht innere Stärke und Selbstvertrauen. Vertrauen brauchen wir ja, um die Lebenswege zu finden, Entscheidungen zu treffen und mit Enttäuschungen umzugehen.

Ihr habt Euch Worte aus der Bibel als Konfirmationssprüche gewählt. An die könnt Ihr Euch erinnern, wenn Ihr mal nicht wisst, was mit Euch los ist. Wenn Ihr Euch fragt, wo Ihr steht und wo es mit Euch hingehen soll. Wenn Ihr darüber nachdenkt: Was erwartet Gott von mir? Was kann ich mir zutrauen?

Im Matthäusevangelium Kapitel 7,7 heißt es: „Bittet, so wird Euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Diesen Vers hat sich einer von Euch als Konfirmationsspruch ausgesucht. Bei „Bitten“ wird wohl zuerst an „Beten“ gedacht, also sich an Gott wenden, aber ich erinnere noch mal an das Liebesgebot. Da geht es um Gott, um den Mitmenschen und sich selbst. Das Leben und die Liebe passieren in Beziehungen, und man soll und darf andere bitten und an andere Türen klopfen, um seine Lebensträume und -ziele zu verfolgen. So ist das gedacht. Zu Gott beten und sich über sein Leben klar werden, aber auch ganz konkret anderen vertrauen.

Denn Gott sagt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Ein weiterer Konfirmationsspruch. Er steht in 1.Mose 12,2.    

 „Ein Segen, dass Du da bist!“ „Du bist wirklich ein Segen für mich!“ Diese Worte beschreiben, was so schwer in Worte zu fassen ist, wenn man froh ist, dass man nicht allein ist und jemanden zur Seite hat, der einen versteht und für einen da ist. Der hilft, eine Krise durchzustehen, der hilft, dass ein Schaden wieder gut wird.

Denn „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele?“ scheibt der Evangelist Matthäus im 16.Kapitel, Vers 26. Diesen Vers haben sich zwei Konfirmandinnen ausgesucht.                                                             

 Es macht uns Menschen Spaß, „die Welt zu gewinnen“, d.h. zu kämpfen auf der Suche nach dem Lebensglück, zu kämpfen um Ehre und Anerkennung und um Macht. Es macht uns Spaß, hart zu arbeiten um reich zu werden. Aber das geschieht oft auf Kosten anderer Menschen. Und dann sind die Schäden an der Seele da. An der eigenen und an den Seelen der anderen. Wo Beziehungen abgebrochen sind, Gewalt im Spiel war und die Gefühle verletzt wurden, da nimmt die Seele Schaden. Aber sie soll heil werden. Das ist Gottes Zusage. Auf das Seelenheil achten, dafür wünsche ich Euch immer Zeit und Raum zu haben in Eurem zukünftigen Leben.

Dass alles gut läuft mit Gottes Hilfe, darauf vertraut der Beter des 23.Psalms, ein weiterer Konfirmationsspruch. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Glücklich der Mensch, der das beten kann. „Gott passt auf mich auf, mir wird es an nichts fehlen.“

Dazu passt das Wort aus dem 1.Petrusbrief, Kapitel 3,15: „Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand nach der Hoffnung fragt, die in euch ist.“                       „Immer bereit sein“ von der Liebe zu erzählen, stelle ich mir darunter vor. Dass sie die stärkste Kraft sein möge in der Welt und nicht der Hass und das Machtstreben von Menschen.                                                                                                                                               Und bereit sein, dann von Jesus zu erzählen. Z.B., dass Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht mehr hungrig sein; und wer an mich glaubt, der wird keinen Durst mehr haben.“ Johannes 6,35. Auch ein Konfirmationsspruch heute.                                                                        Hungrig sind wir Menschen nach Glück und Liebe, nach Gemeinschaft und Seelenheil.     Alles Dinge, die man nicht mit Geld kaufen kann, die wir einander schenken. So wie der kleine Junge und die alte Frau in der Geschichte „Mittagessen mit Gott“, mit der ich meine Predigt schließen möchte.

Mittagessen mit Gott                                                                                                                                  (aus „Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“)

Ein kleiner Junge wollte Gott treffen. Er packte einige Coladosen und Schokoriegel in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. In einem Park sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute. Der Junge setzte sich zu ihr und öffnete seinen Rucksack. Als er eine Cola herausholen wollte, sah er den hungrigen Blick seiner Nachbarin. er nahm einen Schokoriegel und gab ihn der Frau. Dankbar lächelte sie ihn an - ein wundervolles Lächeln! Um dieses Lächeln noch einmal zu sehen, bot ihr der Junge auch eine Cola an. Sie nahm sie und lächelte wieder, noch strahlender als zuvor. So saßen die beiden den ganzen Nachmittag im Park. Als es dunkel wurde, verabschiedete sich der Junge.          Zu Hause fragte ihn seine Mutter: „Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?“ Der Junge antwortete:“ Ich habe mit Gott Mittag gegessen - und sie hat ein wundervolles Lächeln!“

Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn sie fragte, warum sie so fröhlich aussehe. Sie antwortete: „Ich habe mit Gott Mittag gegessen – und er ist viel jünger als ich dachte.“

Amen

 

Anke Diederichs


 

Ein Wort zum Sonntag (6. September 2020)

von Vikarin Annerose De Cruyenaere

Der einfühlsame Samariter

 

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37) zählt zu den bekanntesten Erzählungen Jesu im Neuen Testament.

 

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn, und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.“ (Lk 10,30).

 

Dieser Vers wirkt auf mich wie eine ultra-kurze Zeitungsmeldung mit äusserst dramatischem Inhalt.

Es wird nicht gesagt, was für ein Mensch es war, der von den Räubern überfallen wurde. Es war wohl ein Mann. War er reich oder arm, jung oder alt? Ich stelle mir vor, was dieser Mensch während und nach diesem lebensbedrohlichen Raubüberfall gedacht und gefühlt haben könnte. Vielleicht:

 

Ich weiss, dass diese Strecke gefährlich ist, der Weg vom Gebirge hinab in das Jordantal von Jericho. Ich habe keinen Weggenossen als Schutz gefunden und gehe meinen Weg nun allein. Ich habe Angst. In dieser Gegend ist schon so viel Schreckliches passiert! Plötzlich greift mich jemand, ein anderer drückt mich zu Boden, mein Kopf schlägt auf. Sie halten mich fest, entreissen mir meine Tasche, schlagen mich in den Bauch, ins Gesicht. Sie verdrehen mir Arme und Beine, ziehen mir all meine Kleidung vom Leib. Mir wird schwarz vor Augen. Dann ist es still, ich kann mich nicht bewegen, unerträglicher Schmerz. Ich versuche zu schreien, aber es kommt keine Stimme aus mir heraus. Ich kriege kaum Luft, die Sonne verbrennt meine nackte Haut, meine offenen Wunden.

Doch da höre ich Schritte! Ich versuche, meine Arme zu heben, zu rufen, schaffe es aber nicht. Der Mensch wird mir helfen, vielleicht werde ich doch überleben... die Schritte entfernen sich, ich kann es nicht glauben, ist er tatsächlich vorbeigegangen? Wie kann jemand das tun?

Nun ist es aus... ich weiss nicht, wieviel Zeit vergangen ist... wieder Schritte... oh, bitte, bitte...ich kann meine Augen etwas öffnen, sehe einen Mann kommen, aber er geht einfach weiter! Vielleicht denkt er, ich bin schon tot? Ich lebe noch! Ich will um Hilfe rufen, aber es kommt nur ein Wimmern aus mir heraus. Die Schritte verklingen und dann wieder diese Stille.

An diesem Moment verliere ich allen meinen Lebensmut. Ich habe unendlichen Durst. Ich weiss nicht, wieviel Zeit vergangen ist.

Irgendwann wieder Schritte. Ich wage es nicht mehr, zu hoffen.

Ich spüre eine sanfte Berührung. Wasser rinnt in meinen Mund. Und dann Wein, unendlich köstlich. Bin in nun im Paradies? Ich spüre sanfte Berührung, wohltuendes Öl auf meiner Haut, beruhigende Worte. Ich werde auf ein warmes grosses Reit-Tier gelegt, meine Arme umklammern das weiche Fell, eine Decke umhüllt mich, und die schaukelnden Bewegungen und das Klack Klack der Hufen wiegen mich in den Schlaf. Es wird nun alles gut, sagt mir mein Retter ... dann liege ich in einem Bett. Wie bin ich hierher gekommen? Ich schlafe so tief ... als ich aufwache, sitzt mein Retter neben mir, lächelt mich an. Er reicht mir kleine Häppchen köstliches Brot und Früchte und immer wieder einen Becher mit frischem Wasser. Er sagt, ich kann hier in dieser Herberge so lange bleiben, bis ich wieder gesund bin, er habe im voraus dafür gesorgt und bezahlt...“

 

Warum hatten die beiden anderen Menschen, die vorübergingen, jegliche Hilfe unterlassen? Anscheinend konnten - oder wollten - sie nicht die Perspektive ihres Gegenübers wahrnehmen. Ihnen fehlte das Einfühlungsvermögen, welches Leiden im anderen Menschen vorgeht - und auch, welche Erlösung es für den anderen bedeuten könnte, gerettet zu werden.

 

Im Unterschied zum Samariter:

„Und als er ihn sah, jammerte es ihn“ (Lk 10,33).

Dies kann auch übersetzt werden „er empfand Erbarmen“, oder „er liess sich innerlich bewegen“. Im altgriechischen Originaltext wird dafür ein Verb verwendet, das von den Begriff „splangchnon“ stammt, welches den Sitz der Gefühle bezeichnet: Gefühle werden in den inneren Organen verortet, sowohl im Herzen als auch in den Eingeweiden. Das Erbarmen bzw. die Barmherzigkeit ist nach diesem Verständnis also ein Gefühl, das einem durch Herz und Bauch geht. Es ermöglicht den Zugang zu der anderen Person, indem deren Gefühle im eigenen Körper nachempfunden werden können. Es hat vielleicht mit dem zu tun, was in der heutigen Zeit als „Spiegelneuronen“ bezeichnet wird.

 

„Er/sie liess sich innerlich bewegen“ - dieses Verb wird im Neuen Testament auch für Jesus bzw. Gott gebraucht. Jesus ist innerlich bewegt über die Menge, die wie Schafe ohne Hirten ist (Mt 9,36), zwei Blinde (Mt 20,34), einen Aussätzigen (Mk 1,41) und über eine Witwe, die ihren einzigen Sohn begräbt (Lk 7,13). Der Herr im Gleichnis ist bewegt über den hochverschuldeten und zahlungsunfähigen Knecht (Mt 18,27) und der Vater über den heimkehrenden verlorenen Sohn (Lk 15,20). Jesus und Gott fühlen sich in den jeweiligen Menschen ein. Jedes Mal führt das Gefühl herzlichen Erbarmens auch zu einer Aktion, z. B. heilt Jesus Kranke, gibt den Menschen Essen, erweckt zum Leben.

Hartmut Rosa bezeichnet in seinem Buch „Resonanz“ die mitfühlende Öffnung zu den Mitmenschen als „vibrierenden Draht zur Welt. Die Welt wird dadurch weiter und lebendiger.

Ich stelle mir diesen einfühlsamen Samariter als glücklichen Menschen vor. Zumal zum Mit-Leiden auch das Mit-Freuen gehört.

 

 

Lukasevangelium 10,30-37:

Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Annerose De Cruyenaere

 

 


 

Ein Wort zum Sonntag (5. Juli 2020, 4. Sonntag nach Trinitatis)

von Pastor Enno Kückens

 

Böses überwinden!

Christen stehen für das Gute und kämpfen gegen das Böse – was als Auftrag klar erscheint, ist doch nur schwer umzusetzen!

Zum 75. Jahrestag der Ermordung Dietrich Bonhoeffers im Konzentrationslager Flossenbürg / Oberpfalz schrieb der ARD – Korrespondent Arnd Henze in einem Artikel: „Es geht darum, Dietrich Bonhoeffer vom kitschigen Zuckerguss zu befreien, ihn als Zumutung und nicht als Besitzstand … in den ethischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zu entdecken.“ (Zeitzeichen 12/2019)

In seinem Artikel wirft Arnd Henze der ‚Religiösen Rechten‘ (christlich-fundamentalistische Kreise) vor, den Theologen und Widerstandskämpfer Bonhoeffer umzudeuten. Was darin gipfelt, dass allen Ernstes der politische Widerstand Bonhoeffers in der Nazi-Zeit, der mit seiner Ermordung endete, mit dem Widerstand Donald Trumps gegen das politische Establishment der Gegenwart in den USA verglichen wird! In ähnlicher Weise machen sich rechts-religiöse Kreise in Deutschland wie auch die AfD diese Umdeutung zunutze.

„Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers wird in den USA, einer noch funktionierenden Demokratie, benutzt, um den politischen Gegner in die Nähe von Verbrechern zu rücken. Konkrete Beispiele sind etwa die Abtreibungskliniken oder Menschen, die das Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten in Gang gebracht haben.

Das alles bedeutet: Wer das Böse überwinden will, muss erstmal wissen, was böse ist, und was gut! Menschen, die über ausreichend Macht verfügen, scheinen neu zu definieren, was ‚Gut und Böse‘ ist, so wie sie es auch schon mit der Wahrheit machten. Dabei spielen Menschenrechte und -würde keine Rolle mehr.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, so schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Rom (Römerbrief 12,21 – aus dem Predigttext für den 5.7.2020). Das Böse mit Gutem überwinden, klingt einfach und ist doch schwer, wenn nicht mal klar ist, was gut und was böse ist.

Ein anderes Wort von Paulus im selben Brief zeigt, dass sein eigenes Gebot kaum umzusetzen ist: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römerbrief 7,18b.19) Das ist eine Erfahrung, die ich teile, und die wohl allgemein menschlich ist.

Aus der Gegenüberstellung beider Worte könnte man schließen: ‚Böses mit Gutem überwinden‘ könnte damit beginnen, einen Blick auf sich selbst zu werfen, einen ehrlichen, kritischen Blick. Und es wird deutlich, dass Paulus mit seinem Gebot nicht die perfekte Tat, das ideale Leben meint. Es geht ihm um das Ziel, Gutes zu tun in kleinen Schritten, im Alltäglichen, ein entsprechendes Verhalten beharrlich einzuüben.

So ist das Überwinden des Bösen auch eine Selbstüberwindung: Das Gute nicht nur zu wollen, sondern auch zu tun. Und darin Vorbild zu sein für andere.

Zu dem, was Dietrich Bonhoeffer auszeichnet, gehört für Arnd Henze seine “Bereitschaft, immer wieder danach zu fragen, was Christsein in der konkreten Realität bedeutet und sich deshalb auf einen ständigen Lernprozess einzulassen.“

Eine solche Haltung gehört für mich unbedingt zum Guten, mit dem sich Böses überwinden lässt!

 


 

Ein Wort zum Sonntag (14. Juni 2020, 1. Sonntag nach Trinitatis)

von Pastor Georg Ziegler

Ein Herz und eine Seele

Wer kennt sie nicht, diese Wendung: ein Herz und eine Seele? Besonders für Paare, die harmonisch miteinander wirken, wird diese Formulierung gewählt. Unzertrennlich und in tiefer Übereinstimmung. So stellt es sich dar, so stellen wir es uns vor.

Wirklich schön, wenn wir sagen können: sie sind ein Herz und eine Seele.

Hat das etwas mit Religion zu tun, vielleicht sogar mit christlichem Glauben? Bei den eben beschriebenen Situationen eher nicht. Dabei stammt die Formulierung aus der Bibel, aus dem Neuen Testament.

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“, so heißt es nach der Lutherbibel in der Apostelgeschichte Kapitel 4. Die junge christliche Gemeinde hat so eng zusammengelebt und zusammengehalten, dass diese Aussage so stimmt. Jedenfalls hat es Lukas in der Apostelgeschichte so überliefert. Es wird dann ausgeführt, dass sie alles gemeinsam hatten. In Erwartung des nahen (Welt-)Endes spielte Besitz und Eigentum keine Rolle. Eine traumhafte und fantastische Situation. Je länger es dauert, desto weniger ist eine solche Situation aufrecht zu erhalten. Es spricht für Lukas und für die Bibel, dieses auch auszusprechen. Die Verwerfungen treten bereits im nächsten Kapitel zu Tage.

Trotzdem fesselt mich diese Aussage und die Situation. Denn in ihnen kommt eine Begeisterung zum Ausdruck, zu der die meisten Menschen heute nicht fähig scheinen.

Prüfen Sie sich selbst. Wann haben Sie von sich gedacht: wir sind ein Herz und eine Seele? Wenn überhaupt, dann sind es wahrscheinlich die Momente, in denen ich frisch und glücklich verliebt gewesen bin. Da passt es dann auch hin. Wie in der Bibel hat ebenso dieser Zustand Risse bekommen.

Solche Risse können normalerweise jedoch nicht die Grundlage erfassen oder beschädigen sie nur selten. In der jungen Gemeinde – sie wir auch Urgemeinde genannt – ist der Glaube an Jesus Christus die Grundlage. Bei allen Veränderungen, die die Gemeinschaft durchläuft, bleibt diese Grundlage unstrittig.

Ich weiß wohl: Auch Menschen, die sich als ein Herz und eine Seele empfunden haben, kann die gemeinsame Basis verloren gehen. Ich behaupte aber: wer dieses gemeinsame Erleben geteilt hat, besitzt eine gute Chance, durch alle Turbulenzen eine gemeinsame Grundlage zu behalten, auch in Erinnerung daran: wir waren ein Herz und eine Seele.

Es gehört zu unserem Glauben, darauf zu vertrauen, dass die Beziehung zu Jesus Christus besteht, egal was geschieht. Daraus können wir die Kraft ziehen, untereinander Gemeinschaft zu leben, als Paare, Familie, Nachbarn oder Kirchengemeinde. Das gilt auch dann, wenn wir nicht (immer) sagen können: Wir sind ein Herz und eine Seele.

 

Georg Ziegler, Pastor

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