Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (28. Februar 2021)

von Pastor Gert Glaser

 

Jesajas Weinberglied

Der Predigttext für den 28. Februar stellt selbst schon eine Predigt dar:

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jesaja 5,1-7)

Der Weinberg dient im ersten Testament als Bild für den geliebten Menschen. Hier allerdings geht es um eine Menschengruppe, um das Volk Israel. Israel hat die Liebe Gottes nicht erwidert. Nun droht eifersüchtige Strafe. Was der Prophet hier ankündigt ist nicht weniger als die Vernichtung des Volkes.

Als im September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Osten Europas begann, begriffen viele Rabbiner dies als Erfüllung der jesajanischen Drohung. Nicht ohne Grund schickte Gott nun die deutschen Soldaten, die das jüdische Leben vernichteten. Die Schuld, die man sich selbst zuschrieb, bestand in der Anpassung an die Welt der gojim, der Völker bzw. der „Heiden“, wie Luther sagen würde, also in der Verleugnung des eigenen jüdischen Glaubens.

Rabbi Shlomoh Zalmahn Unsdorfer, Mitte September 1944 in Auschwitz ermordet, teilt diese Position: „Ihre Schulen sind uns verboten, sie verschlossen uns die Türen ihrer Universitäten. Dies war eine Maß-für-Maß-Vergeltung uns gegenüber. Wie häufig haben uns unsere schriftliche und mündliche Thora und alle Moralbücher davor gewarnt, uns von ihrer apokryphen Weisheit zu distanzieren, die voller Häresie und Atheismus ist? Sie verboten uns, ein Radio im Haus zu haben. Was haben wir zu tun mit der Unterhaltung der Völker und ihren sündigen Begierden?... Sie befahlen uns, gelbe Davidsterne zu tragen, um zu zeigen, dass wir Juden sind. Wegen unserer vielen Sünden (geschah dies, G.G.). Wie schämten wir uns doch unserer jüdischen Gewänder und Namen, unserer Fransen und der Mesusah an unseren Türpfosten, als es unsere Pflicht war, jedermann zu zeigen, dass wir der Same des gesegneten Gottes sind... Aus Scham vor den Völkern wollten wir auf keinen Fall an den Schläfenlocken an unserem Kopf erkannt werden. Nun haben die Bösen, um diesem zu begegnen, befohlen, dass jeder erkennen möge, dass wir Juden sind.“ (Katz, Wrestling with God, S. 54f.)

Beim Lesen des jesajanischen Predigttextes fällt auf, dass die Personen hier seltsam schillern: Wer ist der Erzähler? Wer ist der „Freund“? Handelt es sich um Gott selbst, der hier bald das Wort führt, der dann auch selbst Rache nimmt?

Ähnlich ergeht es mir, wenn ich Positionen der osteuropäischen Rabbiner zur Zeit des Holocaust betrachte: Während die deutsche Vernichtungspolitik bei Unsdorfer noch das Werk „der Bösen“ ist, so gibt es andere Fromme, die die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie sogar als Werkzeug Gottes begreifen.

Welche Rolle nimmt Gott während der Schoah ein? Ist er der Rächer, der die – eigentlich besonders frommen - osteuropäischen Juden für deren Schuld straft? Oder leiden diese nur stellvertretend etwa für das amerikanische Judentum, das wesentlich stärker assimiliert war und immer noch ist? Sind die vernichteten Juden gar die leidenden Gottesknechte (vgl. Jesaja 53ff.), also die Gerechten, die stellvertretend für den Rest der Menschheit Schuld übernehmen? Oder stellte die Zeit des Holocaust schlicht eine Zeit der „Gottesverdunkelung“, der Abwesenheit Gottes dar?

Diese Fragen sind der heutigen jüdischen Bevölkerung Israels eher fremd. Sie haben keinen Platz im Selbstbewusstsein eines jungen wehrhaften Staates. Überlebende des Holocaust trauen sich oftmals nicht einmal, die auf ihren Unterarm tätowierte Nummer aus dem KZ zu zeigen. „Nie wieder Massada“, mit diesem Schwur werden Israels Soldatinnen und Soldaten vereidigt. Nie wieder eine Niederlage, wie sie den besiegten Juden in der Bergfestung Massada am Toten Meer 74 n. Chr. durch die Römer widerfuhr, oder eben im Holocaust. Ist der heutige Gott Israels ein Gott der Stärke um jeden Preis, auch um den Preis der Ungerechtigkeit?

Gert Glaser.

Ein Wort zum Sonntag (21. Februar 2021)

von Pastorin Anke Diederichs

Über Verrat und Liebe                                                                                                                                                

     „Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern an seinem letzten Abend mit ihnen. Sie waren versammelt, um das Passahmahl zu feiern. „Der ist´s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ heißt es im Johannes-Evangelium. (Johannes 13,21-30 ist Predigttext für den Sonntag Invokavit).  Die Jünger sind in Aufruhr. Auf dem berühmten Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci ist dieser Moment dargestellt. „Wer ist der Verräter?“ „Bin ich es?“ Diese Fragen spiegeln sich in den Gesichtern der Jünger wider.                                                                                                                                                      Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden schaue ich gerne das Bild an zum Einstieg in das Thema Gemeinschaft und das Hl. Abendmahl. Das Bild hilft, sich der ungeheuerlichen Passionsgeschichte, Jesus Leidensweg ans Kreuz zu nähern. Jesus hatte es mehrmals seinen Jüngern angekündigt, dass er werde sterben müssen. Ihre Gemeinschaft würde zu Ende gehen. Aber das konnten sie nicht fassen und glauben.  Nun kündigte er an, dass er von einem aus der Gemeinschaft verraten werden würde.                                      

 Verrat – das ist der größte Vertrauensbruch überhaupt. Jemand bricht aus, verletzt die verabredeten Spielregeln einer Gemeinschaft, einer Beziehung, wechselt die Seite, verrät ein Geheimnis. Hochverrat, Landesverrat heißt es auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Spitzel kennen wir aus der Zeit der DDR-Regimes. Aber auch Ehepartner fühlen sich verraten, wenn sie betrogen werden. Kinder fühlen sich verraten, wenn Geschwister oder Freunde ein Geheimnis nicht bewahren konnten. Erinnern Sie sich (Ihr Euch) daran, wann Sie sich (Ihr Euch) mal verraten gefühlt oder jemanden verraten haben (habt). Als erstes fällt mir dazu ein: „Da will ich gar nicht (mehr) dran denken.“ Das sind böse Erinnerungen, die immer noch weh tun.                                                                                                                     Auch die Passionsgeschichte besteht aus Geschichten, die wehtun. Sie erzählen von Jesu Leidensweg und seinem Tod am Kreuz. Der heutige Sonntag Invokavit ist der erste von 6 Sonntagen in der Passionszeit, in der wir uns an diese Geschichten erinnern.                                                                                               

   Die Geschichte von der Ankündigung des Verrats in der Version des Evangelisten Johannes macht in diesem Jahr den Anfang. So sind wir in der Passionszeit eingeladen, den Schattenseiten des menschlichen Zusammenlebens nachzugehen. Neben Verrat zählen ja z.B. Machtstreben, Egoismus und Gewalt dazu. Sie gehören zur Kehrseite der Liebe.                                                                                       

 Was Liebe bedeutet, haben wir durch Jesus und die Gemeinschaft mit seinen Jüngern, durch die Geschichten im Neuen Testament erfahren. Es gibt Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Die Liebe ist der Weg zu Vergebung und Versöhnung. Ihre Bedeutung wird nur erfassen, wer auch die Kehrseite kennt.                                                                                                                                                                „Einer von euch wird mich verraten.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und jeder fühlt sich angesprochen. „Bin ich es?“ Denn die Jünger wissen wohl um die Schattenseiten eines jeden Menschen und wie Beziehungen und Leben durch sie zerstört werden können.                                                                                    

 Es gibt eine Legende zu der Entstehung des Abendmahlsbildes von L. Da Vinci, die davon erzählt. Der Maler hatte für die Gesichter der Jünger Menschen aus Mailand als Modelle ausgesucht. Am Ende fehlten ihm nur noch die Gesichter von Jesus und Judas. Für Jesus fand er einen jungen Mann, „aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtete“. Bis er dann ein Modell für Judas fand, vergingen viele, viele Jahre. Dann fand er „einen Mann mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarteten“. Als er ihn fertig gemalt hatte, sagte dieser Mann zu ihm: „Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt. Ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.“ und er zeigte auf das Gesicht von Jesus.                                                                                                                                     Die Legende weiß von der Spannung in uns Menschen, von den guten Seiten und den Abgründen im menschlichen Leben und scheut sich nicht, diese mit Jesus und Judas in Verbindung zu bringen.  „Eigentlich müsste Judas heiliggesprochen werden.“ schrieb Walter Jens, ein Philosoph und Schriftsteller. Ohne ihn wüssten wir nicht von Jesu Tod und Auferstehung. Ohne ihn gäbe es nicht die Verkündigung des Glaubens, dass die Liebe die stärkste Kraft ist, die den Tod überwindet. 

Anke Diederichs, Pastorin in Scharmbeckstotel und Ritterhude

 

                 

Ein Wort zum Sonntag (14. Februar 2021)

von Pastor Martin Rutkies

Martin Rutkies

Wort zum Sonntag Estomihi

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh' dich nicht deinem Mitmenschen! (Jesaja 58,7)

Das ist ein Auszug aus dem Predigttext für den Sonntag Estomihi. „Esto mihi“, das sind die ersten Worte aus dem Psalm 31, was so viel heißt wie: „Sei mir“ und weiter heißt es „ein starker Fels und eine Burg“.

Brich dem hungrigen dein Brot, gib den Elenden Obdach, kleide die nackt sind. Entzieh' dich dieser Verantwortung. Das sei deine Tugend und Kraft.

Ich erinnere mich daran, dass ich einmal für die Bedürftigen sammelte und in ein Geschäft ging, dessen Besitzer Muslim war. Ich stellte mich vor als Pastor der lutherischen Kirchengemeinde vor Ort und unterbreitete ihm mein Anliegen. Er verhielt sich zunächst sehr defensiv, aber wir kamen dabei ins Gespräch darüber wem geholfen werden sollte. Als er merkte, dass es mir nicht allein darum ging, meine Kirchenmitglieder zu versorgen, sondern dass die Hilfe „Jedermann“ galt, legte er jede defensive Haltung ab. Wir hatten eine gemeinsame Gesprächsebene gefunden.

„Ja!“ meinte er: „Jedem, der oder die in Not ist, will ich helfen. Das ist ein Gebot Allahs!“ Die Spende, die er gab, war die größte, die ich damals für das Projekt bekam. Wir blieben in Kontakt und er half auch bei der Austeilung der Lebensmittel, der Kleider und anderer Wichtigkeiten.

Über unsere Vorstellungen, wie wir uns Gott vorzustellen haben, brauchten wir nicht zu sprechen. Das war auch gar nicht nötig. Was wichtig war ist, dass wir uns beide darüber im Klaren waren, dass wer davon redet Gott zu lieben auch seine*n Nächste*n liebt, wie sich selbst. Und diese*r Nächste kann „jeder“ sein.

Jede Religion, sei es das Judentum, das Christentum, der Islam, der Buddhismus, Hinduismus oder auch die Schamanreligionen Afrikas und Amerikas, lassen sich daran messen, wie sie mit ihrem Mitmenschen umgehen. Dabei sind mit den Mitmenschen nicht allein die gemeint, die ich sowieso mag, sondern alle – jeder und jede: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann!“ Röm. 12, 17. Gastfreundschaft, der besondere Schutz der Fremden, Hilfe für die Schwachen sind Ausweis der Barmherzigkeit Gottes bzw. Ausweis der eigenen Tugend.


 

Wort zum Sonntag 7. 2. 2021

Karneval, Fasching? – Das feiern wir hier wenig und Faschingssonntag ist auch noch nicht da. Dennoch. Fasching bildet ja eine Art „Zwischenzeit“,

schon wieder eine Zwischenzeit, ja, das gibt es immer wieder, diesmal im „Kirchenjahr“ zwischen der „Epiphaniaszeit“ und der Passionszeit.

Zudem sind wir in der Willehadigemeinde auch in einer Zwischenzeit:

am letzten Sonntag, 31. 1. haben wir Pastor Eckhard Gering in den Ruhestand verabschiedet – und in einer Woche, am 14. 2. wird Pastor Henning Mahnken in sein Amt hier eingeführt. Kurz durchatmen dazwischen. Und warum nicht ein bißchen Karneval.

Da werden „Büttenpredigten“, meist gereimt, gehalten. Was ist denn eine „Bütt?“, frage ich eine Schweizer Freundin, „ein Faß“, sagt sie und in wikipedia steht:

Die Bütte, die Butte, die Bütt, der Zuber oder das Schaff ist ein großes Gefäß von runder oder ovaler Form ohne Deckel. In der Regel sind diese Gefäße breiter als hoch. Bütten werden traditionell bei der Papierherstellung oder beim Weinbau verwendet.

Oder um Reden unterschiedlicher Art zu schwingen.

Worte. Die Macht von Worten. Zu Fasching ist komische, kritische, bissige Gesellschaftskritik besonders willkommen. Was ändert das? Vielleicht nicht viel, vielleicht einiges? Menschen wachen auf, kriegen auf einmal etwas mit, das sie nie bemerkt haben oder noch besser: beginnen zu denken, eigenständig und selbst zu denken.

Denn aus dem Staunen kommt das Fragen und das Denken. Worte können uns tief beeindrucken; uns manipulieren; uns trösten; uns aufmuntern und stärken. „Auf dein Wort hin“, sagt ein erfahrener Berufsfischer zu Jesus, der von Fischfang keine Ahnung hat, will ich – gegen jede Fischererfahrung – nochmal am Tage herausfahren und mein Netz auswerfen. Und das Netz wurde voll. Leben in Fülle auf Jesu Wort hin. Welch Kraft darin liegt!

Nicht jederzeit können wir gute Worte auch aufnehmen. Jesus erzählt dazu ein Gleichnis (Lukasevangelium 8, 4-8). Aber dann fällt auf einmal ein gutes Wort tief in unsere Seele – und bringt etwas in Bewegung in uns. Es fällt vielleicht damit eine lang getragene Last von uns ab – oder es kommt uns ein ganz neuer Gedanke – wir atmen auf –oder ein oder durch!

Immer wieder hat Gottes Wort Menschen bewegt, ihr Leben verändert oder Menschen gestärkt und getröstet. In einer Büttenpredigt 2020 (gekürzt und verändert) erzählt Pfarrer

I. Maybach, Frankfurt/ Main von Gott und seinem Wort, das in immer anderer Form zu uns spricht, vom Himmelreich – und von Narren.

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Den Narren gehört das Himmelreich.

Das heißt: wenn wir rechte Narren sind,

nehmen wir Gottes Reich an, wie ein Kind,

das die Hände voll Hoffnung zum Vater hebt,

weil es aus seiner Liebe lebt.

„Vater unser im Himmel“, so beten wir schon

seit 2000 Jahren, weil damals sein Sohn

so zu beten lehrte. Doch: es ist auch nachzulesen,

daß Gott bereits anfangs nicht nur im Himmel gewesen.

Denn am Anfang schuf Gott Himmel und Erde

und das Licht: auf daß es heller werde.

Er schied die Wasser, den Tag von der Nacht,

hat Pflanzen, Tiere und Menschen gemacht.

Im Paradies kam es, daß wir Menschen mehr Erkenntnis wollten,

doch vom Baum der Erkenntnis nicht essen sollten.

Wir aßen dann doch; aus Neugier und weil:

der Wissensdurst ist halt von uns ein Teil.

So sind wir aus dem Paradies geflogen

und meinten, Gott habe sich vornehm zurückgezogen.

Weil Gott nun nicht mehr so nahe dabei,

hieß es fortan, daß er wohl im Himmel sei.

Wollte man mit ihm reden, was machte man da?

Hände und Herzen zum Himmel – Halleluja!

Die Probleme wuchsen seit Kain und Abel,

es gab Mord und Totschlag und den Turmbau zu Babel.

Gott sah: was so gut war, war gar nicht mehr gut…

Und zur Reinigung sandte er eine große Flut.

Als sich nach der langen Flut die Wolken verzogen,

stand am Himmel der erste wunderschöne Regenbogen.

Ihn gab Gott als Zeichen für seinen Bund der Treue,

daran sich jeder von Noah bis heute freue!

Es gibt noch viele andere alte Geschichten,

sind sie nicht veraltet? – nein, mitnichten!

Sie sprechen mitten in unser Leben hinein –

und so soll es sein.

Liest du mal alle Psalmen, weißt du, wenn du fertig bist,

daß Gott überall gegenwärtig ist,

selbst wenn man unter die Erde geht, wie es in Psalm 139 steht.

In Psalm 121 wiederum hebt

ein Beter, der fest im Glauben lebt,

seine Augen zu den Bergen empor:

Hilfe, Hilfe kommt mir woher?

Hilfe kommt von Gott, der alles Leben ernennt,

so wird es sichtbar und man erkennt:

Gott ist mit seinem Wort in seiner Schöpfung präsent.

Wer das erlebt, der ist gut dran,

der spürt Gottes Nähe – vielleicht auch nur dann und wann-

und er kann zuversichtlich vor Gott hintreten

und für alles umfassend beten.

Es geht nun darum, dazu beizutragen, daß hier, auf der Erde,

Gottes Reich heute schon sichtbar werde.

Denn es ist noch nicht da, hat aber längst begonnen

und, ich sag es euch klar: nicht nur für die „Frommen“!

Wie das Himmelreich ist, hat uns Jesus geschildert,

mit Geschichten und Gleichnissen hat er es bebildert.

So ist zum Beispiel das Himmelreich

einem winzig kleinen Senfkorn gleich.

Erst wird es gesät in die Erde

auf daß daraus eine Pflanze werde.

Und mit Gottes Hilfe wächst es dann

so hoch, daß es Schatten gibt und Vöglein Schutz bieten kann.

Wir hören das Gleichnis und lernen daraus:

In kleinen Schritten breitet der Himmel sich aus.

Es fängt bei einem jeden an,

daß Gottes Reich weiter wachsen kann.

Es geht um unsere Mitarbeit

für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.

Die Kraft dafür ist in Gott schon da:

und es bleibt doch immer ein Wunder, das ist ja klar.

Und Samen sät Gott reichlich aus

sein Wort an allen Orten, auch in diesem Haus,

viele helfen mit und sagen es weiter,

nur – überall geht es nicht auf – lei(t)der!

Es ist ein – oft mühsamer! - Weg in kleinen Schritten

und wir dürfen jederzeit Gott um Hilfe bitten.

Die kleinen Schritte fallen auch nicht immer leicht

manchmal scheint es, daß man gar nichts erreicht.

Manchmal erntet solche Arbeit auch nur Spott:

„Ihr macht euch zum Narren für den lieben Gott!“

Liebe Gemeinde, ich sag es euch gleich:

Solchen Narren gehört das Himmelreich!

Sie hießen oft Narren, die, die zu Jesus kamen:

 Füße fest auf der Erde und Herzen im Himmel – Halleluja – Amen!

 

Mit herzlichen Grüßen, Pastorin Susanne Bömers

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Ein Wort zum Sonntag (31. Januar 2021)

von Pastorin Christa Siemers

Liebe Gemeinde!

„Es war einmal vor langer Zeit...“ – viele vertraute Märchen beginnen so, und wir alle wissen, was die Geschichten erzählen. Es geht um harte Schicksale, ungerechte Tyrannen, Liebe voller Hindernisse. Aber meist gibt es dann eine wunderbare Wendung – der Sieg des Guten und der Gerechtigkeit über das Böse und Gehässige. Der mutige Held gewinnt die Gunst der Königstochter; das arme Mädchen bekommt den Prinzen zum Mann…

Auch eine Geschichte der Bibel könnte wie ein Märchen beginnen: Es war einmal vor langer Zeit... ein Volk, ein Gott, eine Heilung, ein Wunder – auch das kennen wir und wissen, was biblische Geschichten erzählen. Oft handeln sie von Menschen, die etwas Besonderes mit ihrem Gott erlebt haben. Nicht immer nur Freundliches und Rettung, auch Kummer, Zorn und Enttäuschung sind dabei. Und nicht selten bleibt unerklärlich, wie scheinbar Unmögliches dann doch wahr wird. Wie aus Zweifel und Ablehnung fester Glaube wächst, wie aus Unterdrückung und Perspektivlosigkeit Freiheit und Segen wird.

Bibel und Märchenbuch in einem Atemzug?! Das kenn ich durchaus von meinen Konfirmand*innen und Konfirmanden. Aber schon in biblischer Zeit haben sich die ersten Christ*innen dafür rechtfertigen müssen, wenn sie von ihren Glaubenserfahrungen berichteten. Und nicht selten wurde ihnen entgegengehalten: „Erzählt mir doch kein Märchen! Da ist doch viel zu fantastisch, um wahr sein zu können.“

Eine Verteidigung auf solche Vorwürfe finden wir in Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias. Im 2. Petrusbrief, Kapitel 1, 16-19 lesen wir:

Wir haben uns keineswegs auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen wird, ausgestattet mit Macht.

Vielmehr haben wir ihn mit eigenen Augen in der hohen Würde gesehen, in der er künftig offenbar werden soll.

Denn er empfing von Gott, seinem Vater, Ehre und Herrlichkeit - damals, als Gott, der die höchste Macht hat, das Wort an ihn ergehen ließ: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt.«

Als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren, haben wir diese Stimme vom Himmel gehört.

Dadurch wissen wir nun noch sicherer, dass die Voraussagen der Propheten zuverlässig sind, und ihr tut gut daran, auf sie zu achten. Ihre Botschaft ist für euch wie eine Lampe, die in der Dunkelheit brennt, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns eure Herzen hell macht.

Ja, es sind nicht nur in unserer Zeit etliche, die Schwierigkeiten haben mit den unglaublichen Dingen, die vom Sohn Gottes überliefert sind: Wasser in Wein verwandeln, Kranke heilen nur durch Zuspruch und Handauflegen, sogar Toten wieder zum Leben erwecken. Wie sollte das gehen?!

Zweifler und Spötter, die gab es auch schon damals. Und je mehr Zeit vergangen war, desto blasser wurde die direkte Erinnerung an den Menschen Jesus. Genau deswegen sagt Petrus: Es ist kein Märchen, sondern Wirklichkeit. Wir haben ihn gesehen. Was euch vielleicht märchenhaft erscheint, das haben wir, seine Freunde und Weggefährten, miterlebt und können es bezeugen.

Und so wie Petrus haben auch andere ihre Erlebnisse weitererzählt. Sie haben immer wieder berichtet, was sie beeindruckt hat in der Begegnung mit diesem Jesus aus Nazareth. Sie waren ganz dicht dran – manche vom ersten Zusammentreffen bis zum bitteren Ende am Kreuz, einige sogar bis zur Erscheinung des Auferstandenen in ihrer Mitte. Sie haben miterlebt, dass Jesus nicht nur ein menschenfreundlicher und begeisternder Freund ist, sondern wirklich zu Gott gehört. Sie haben erfahren, dass er an all dem Anteil hat, was in den Bereich Gottes gehört – Licht, Würde, Macht – und dass er schließlich sogar den Tod überwunden und damit einen neuen Horizont eröffnet.

„Und wo ist nun der Unterschied zwischen einem Märchen und einer Glaubensüberzeugung?“ – so mögen kritische Geister jetzt fragen.

Ich denke, den Unterschied zwischen Glaubensüberzeugung und Märchen erkenne ich in der Wirkung, die beides auf mich hat. Ein Märchen lässt mich vom Guten träumen, es kann mich ablenken, meine Fantasie beflügeln. Ich höre es, freue mich, lasse mich für einen Moment mit hineinnehmen in eine andere Welt. Das kann nicht nur in dieser schwierigen Zeit etwas durchaus Wunderbares sein: einfach mal alle Sorgen und Schreckensmeldungen hinter mir zu lassen. Ein Märchen wie ein buntes Trostpflaster auf den Wunden des Lebens.

Doch ‚Glaube‘ wirkt da ganz anders. Er nimmt uns nicht aus dieser Welt heraus. Gerade weil ich an die Liebe Gottes und an das Geschenk des Lebens glaube; weil ich überzeugt bin von Jesu Wort und Tat, will ich die Gegenwart gestalten – jetzt und hier, mit allen mühevollen Herausforderungen. Gerade weil ich über die Grenzen dieser Welt hinaus hoffen darf, brauche ich mich vor den Aufgaben und Sorgen in dieser Welt nicht zu fürchten. Der Glaube ist da die Kraftquelle, aus der ich schöpfen darf.

Ein Märchen führt mich heraus aus meinem Leben, der christliche Glaube dagegen stellt mich mitten hinein. Ein Märchen vertröstet – der Glaube beflügelt.

Petrus berichtet vom Erlebnis der drei Jünger, die Jesus auf den Berg Tabor begleiteten. Johannes, Jakobus und Petrus hatten dort oben eine wunderbare Vision. Den Jüngern ist dabei deutlich geworden, dass in Jesus Gott selbst bei ihnen war, dass durch ihn Gott selbst redete und handelte. Diese Gewissheit gab ihnen die Gewissheit und Kraft, am Glauben festzuhalten – gerade auch in Zeiten von Anfechtung und Verfolgung. Ein bloßes Märchen hätte ihnen solche Kraft nicht geben können!

Und heute? So wie die Jünger zusammen mit Jesus auf den Berg steigen und dort göttliche Macht und Stärke erleben – das können wir natürlich nicht. Doch immer wieder gibt es eben Momente, in denen auch uns Jesu Kraft und Gottes Nähe spürbar werden. Und deshalb kann ich gut mit dem leben, was uns im Petrusbrief gesagt wird: All das, was über Jesus gesagt wurde, ist zuverlässig. Die Propheten hatten Recht. Und wir tun gut daran, auf ihre Worte zu achten. Ihre Botschaft ist für uns wie eine Lampe, die in der Dunkelheit brennt, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns unser Herz hell macht.

Ein schönes Bild! Gerade da, wo es so viele dunkler Ecken im Leben gibt. In der Welt um uns herum, aber auch im ganz persönlichen Bereich. Manchmal nehmen sie uns so sehr gefangen, dass uns der klare Blick verloren geht. Doch was Jesus mit seinem Licht in unser Leben bringt, kann manche dunkle Ecke ausleuchten – kann Angst vertreiben, Entscheidungen beflügeln, Gelassenheit und Zuversicht schenken. Wenn die Worte Jesu uns tief im Herzen bewegen, dann können auch wir mit unserem Reden und Handeln etwas von seinem Licht und seiner Herrlichkeit sichtbar machen. Und wenn andere dann zu uns sagen: „Das ist ja märchenhaft“, dann können sie sogar recht haben. Amen

 

Christa Siemers

Pastorin in der Emmaus-Kirchengemeinde


 

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