Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (2. August 2021)

von Pastorin Christa Siemers

Liebe Leserin, lieber Leser,
was Kraft gibt und aus welchen Quellen wir dabei schöpfen können – diesen Fragen möchte unsere diesjäh-rige Sommerkirchen-Reihe nachgehen. Dazu heute einige Verse aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther. Der Apostel schreibt dort:
Der Herr hat zu mir gesagt: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt. Ja, ich kann es von ganzem Herzen akzeptieren, dass ich wegen Christus mit Schwachheiten leben und Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse ertragen muss. Denn gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.
Verwirrende Worte aus dem persönlichsten und leidenschaftlichsten Brief, den Paulus geschrieben hat. In einem längeren Abschnitt geht es um Selbstdarstellung und darum, sich selbst mit besonderen Taten zu rüh-men. Es geht um Stärken und Schwächen; um Erwartungen und Enttäuschungen; um Abgründe, die sich im menschlichen Miteinander auftun. Und es geht schließlich um die großartige Zusage Christi: „Lass dir an mei-ner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Was aber hatte Paulus zu diesen Zeilen veranlasst, denen abzuspüren ist, wie aufgewühlt er seinerzeit war?
Nachdem er die kleine christliche Gemeinde gegründet hatte, war er auf seinen Missionsreisen weitergezo-gen und brieflich mit den Korinthern in Kontakt geblieben. Inzwischen waren allerdings fremde Missionare in die Gemeinde gekommen. Konkurrenten zu Paulus gewissermaßen und die ließen kein gutes Haar an ihm, waren mit ihrer Kritik und ihren Verleumdungen nicht zimperlich: Er sei gar kein richtiger Apostel, sondern ein frecher Betrüger. Seine Berufung sei nur vorgetäuscht und reine Fantasie. In seinen Briefen würde er den Mund zwar ziemlich voll nehmen, in Wirklichkeit aber sei er ein Schwächling. Man bräuchte diesen kleinen, unscheinbaren Mann doch nur anzusehen; seine einschläfernden Predigten doch nur anzuhören.
Sie selbst dagegen präsentierten sich als genaues Gegenteil, voller Selbstbewusstsein, redegewandt, souve-ränes Auftreten. Darüber hinaus hatten sie noch besondere spirituelle Fähigkeiten, konnten sich in Ekstase versetzen, in Zungen reden – erfolgreiche religiöse Influencer würden wir heute sagen.
Kein Wunder also, dass die Korinther von ihnen schwer beeindruckt waren und sich mehr und mehr von Paulus distanzierten.
Der Apostel selbst ist über diese Entwicklung zutiefst erschüttert und mit seinem Brief an die Korinther will er die passende Antwort geben. Den Vorwurf des Betrugs weist er entschieden von sich. Aber – und das ist das Überraschende – in einem anderen Punkt gibt er seinen Gegner sogar recht:
Ja, er sei tatsächlich schwach. Wie oft habe er selbst sich schon gewünscht, stärker zu sein, körperlich belast-barer, beeindruckender im Auftreten und gewandter im Reden. Er habe darum - wie er schreibt - auch Chris-tus im Gebet angefleht, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Aber der habe seine Bitte nicht erfüllt, sondern stattdessen zu ihm gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwa-chen mächtig.“
Das ist, als will er ihm sagen: „Paulus, quäle dich doch nicht selbst. So wie dir geht es unendlich vielen Men-schen. Sie wären gerne stärker, angesehener, erfolgreicher. Sie leiden an ihren Schwächen und Unzulänglich-keiten. Und nicht selten gucken sie neidisch auf diejenigen, die Selbstzweifel scheinbar nicht kennen, die vermeintlich besser sind und mehr Anerkennung finden.
Aber ich will dir sagen, Paulus: Ich liebe dich gerade so, wie du bist. Lass deine Gegner ruhig über dich lachen und herziehen – ich möchte dich als meinen Apostel nicht anders haben. Bei mir musst du kein Superstar sein. Du musst mir nichts beweisen. Damit setzt du dich nur ständig unter Druck. Sei zufrieden mit dem, was du hast und bist. Das genügt. Und noch etwas: Du kannst deine Sorgen, deine Ängste und Schwächen mir überlassen. Aber vielleicht musst du zuvor manchmal an Grenzen stoßen, damit ich etwas für dich tun kann.“
Auf Paulus müssen diese Worte Christi wie eine Befreiung gewirkt haben. Eine Befreiung von den strengen Maßstäben, die er an sich selbst angelegt hatte. Von dem Leistungsdruck, unter den er sich selbst gesetzt hatte. Von der eigenen Erwartung, immer und überall Erfolg mit der Verkündigung des Evangeliums haben zu müssen.
Denn Paulus war ja wirklich unermüdlich. Ohne Rücksicht auf die eigenen Grenzen hatte er die halbe Welt bereist, um die Botschaft Christi weiterzusagen. Und dennoch war er das Gefühl nicht losgeworden, nicht genug zu tun und zu leisten.
Irgendwie klingt das doch eigentümlich vertraut – gerade auch in unserer Welt, in der es überall um Leistung und Selbstdarstellung geht. Wie viele meinen, sich selbst und der Welt immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen, welche besonderen Qualitäten sie besitzen?! Und weil der Zweitplatzierte schon der erste Verlierer ist, müssen wir nicht nur gut sein, sondern besser als alle anderen. Ja, wir müssen selbst dort Stärke zeigen, wo gar keine ist. Denn auf die richtige Ausstrahlung kommt es an, auf die Verpackung sozusagen. Hauptsache, die Fassade stimmt. Hauptsache, es gibt bei der allgegenwärtigen Bewertung 5 Sternchen.
Das aber ist ein erbarmungsloses Prinzip, das Menschen auf Dauer zerstört und die Auswirkungen treten immer deutlicher zutage. ‚Burn-out’ – ein Leiden, das immer mehr Menschen betrifft. Denn immer besser sein zu müssen, bringt einen enormen Druck mit sich, macht mürbe und schließlich krank.
Der Satz Jesu dagegen – „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ – ist ein heilsames Angebot. Ein befrei-endes Angebot, das die Wettbewerbsgesellschaft zwar nicht aufhebt, aber doch ein heilsames Gegengewicht bildet.
Auch wenn uns das manchmal schwer verständlich ist – bei Gott gilt das Leistungsprinzip nicht. Gott liebt die Verlierer nicht weniger als die Sieger und die, die Fehler machen, nicht weniger als die vermeintlich Perfek-ten. Er liebt uns in unseren Schwächen wie in unseren Stärken.
Das gilt auch für das Engagement in unseren Kirchengemeinden. Viele gibt es da, die sich ehrenamtlich mit ihren ganz unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten einbringen und so auf ihre Weise die Botschaft des Evangeliums und ihren Glauben weitersagen.
Und doch gibt es auch hier immer wieder enttäuschende Erfahrungen: dass wieder nur so wenige den Got-tesdienst besucht haben, dass immer mehr Menschen sich abwenden, dass das ehrenamtliche Engagement für die Kirche belächelt wird.
Braucht es also noch mehr Anstrengungen, ganz andere Veranstaltungen, mehr Events? Ja und nein. ‚Ja‘, es braucht den Mut, Neues auszuprobieren, mit vielleicht ungewöhnlichen Ideen neue Impulse zu setzen. Aber ‚Nein‘, wir brauchen keine Superstars. Wir müssen uns nicht in purem Aktionismus verlieren, denn sonst geht irgendwann auch den Engagiertesten die Freude an der Arbeit verloren.
Entscheidend bleibt die Ermutigung Jesu, nämlich mit sich selbst und anderen liebevoll und achtsam umzu-gehen. Nicht wir müssen aus eigener Kraft alles leisten, immer besser sein – auch nicht in unseren Kirchen-gemeinden.
Auch in Zukunft wird manches gelingen und anderes nicht. Es wird Erfolge geben, aber auch Rückschläge. Aber das ist nicht das Ausschlaggebende. Wichtig ist und bleibt der Zuspruch desjenigen, der auch unsere Kirche baut: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Aus dieser Quelle möchte ich neue Zuversicht schöpfen.
Christa Siemers
Pastorin in der Emmaus-Kirchengemeinde

Ein Wort zum Sonntag (4. Juli 2021)

von Pastorin Anke Diederichs

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz steht heute im Mittelpunkt. Was hat ein Kreuz eigentlich für eine Bedeutung? Viele Menschen wissen das gar nicht. Sie tragen es einfach gerne als Schmuckstück  Es ist auch nicht so einfach mit einer Erklärung.      Das Kreuz ist ein wichtiges Symbol für die christliche Religion. So wie der Halbmond und Stern für den muslimischen Glauben oder der sechseckige Davidstern für die jüdische Religion.                                                                           Am Anfang des Christentums war ein anderes Symbol das Erkennungszeichen für Christen. Ein Fisch. Unter diesem Symbol fanden sich die ersten Christen sich zusammen. Das Kreuz war da noch ein Symbol für Folter, Leiden und Sterben. Ein Kreuz war ein Ort der Hinrichtung. Erst als es keine Kreuzigungen mehr gab und die schreckliche Bedeutung in den Hintergrund getreten war, fing man an, das Kreuz als Zeichen für Jesus Christus zu verwenden.                                                                                            Am Kreuz scheiden sich die Geister. Für die einen bleibt es ein Symbol für Folter und sie finden es ärgerlich, es an öffentlichen Orten außerhalb von Kirchen sehen zu müssen. Es ist in manchen Gegenden üblich in Klassenzimmern und öffentlichen Gebäuden Kreuze an der Wand hängen zu haben. Es gab darüber gerichtliche Auseinandersetzungen, ob das erlaubt sei oder nicht, denn die Gegner fühlten sich als Nichtreligiöse durch die Kreuze vereinnahmt. Sie sagten, Kreuze hätten in Klassenzimmern und an öffentlichen Orten nichts zu suchen. Denn es sind ja nicht alle Christen, sondern Menschen leben ohne Religion oder haben einen anderen Glauben. Öffentliche Orte sollten neutral bleiben. Andererseits hat der Ministerpräsident Markus Söder in Bayern 2018 Kreuze wieder aufhängen lassen an öffentlichen Orten, als Zeichen und Erinnerung dafür, dass unsere Gesellschaft auf christlichen Werten gründet. Das Kreuz erinnert an die radikale Liebe Jesu, der für die Feindesliebe und Gewaltlosigkeit eingetreten ist und für diese Liebe sein Leben gelassen hat. Unsere Gesellschaft ist aus dieser Botschaft heraus gewachsen. Natürlich gab es in der Geschichte auch Gewalt von Christen. Dabei denken wir an die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen. Aber heute stehen Freiheit und Toleranz an oberster Stelle, also das Gegenteil von Intoleranz und religiöser Vereinnahmung. Ein Philosoph drückt es so aus: Das Christentum hat für ein Menschenbild gesorgt, das Demokratie möglich macht.                                                          Was ist das für ein Menschenbild? Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ Anders gesagt:  Keiner darf einfach, weil er stärker ist, den anderen unterdrücken, seine Stärke und Macht auf Kosten anderer durchsetzen. Was daraus folgt, beschreibt die allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Einzelnen in 30 Artikeln.                              

 Ausgangspunkt für die Entstehung der Menschenrechtserklärung ist der christliche Glaube ihrer Verfasser. Der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und vom Tod Auferstandenen.                                                                                                                            Diese Aussage spaltet die Menschen. Die einen sagen „Eine Auferstehung von den Toten gibt es nicht. Tot ist tot. Jesus ist jämmerlich gescheitert mit seiner Botschaft und hat sich umbringen lassen. Das Kreuz war damals die übliche Form der Machthaber, Gegner und Unruhestifter zu beseitigen.“ Die anderen sagen „Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden und hat alles, was Menschen erleben und durchmachen, eben auch Leiden und Schmerzen, Sterben und Tod erlebt. Gott weiß, wie es mir geht.“                                                            

Und sie erzählen es weiter und leben und handeln danach. So auch der Apostel Paulus. Seine Worte über die Bedeutung des Kreuzes sind heute Predigttext und wir haben sie vorhin in der Lesung gehört. „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden ist es eine Kraft Gottes.“ 1.Korinther1,18.                                                         

 Am Kreuz scheiden sich die Geister. Die einen finden es dumm, eine Torheit, dieses Symbol zu verwenden. Für die anderen ist es eine Kraftquelle für den Glauben.

Es ist nicht so einfach, das mit der Kraftquelle zu erklären. Denn es hat mit den schweren Seiten des Lebens zu tun. Jesus ist für uns in den Tod gegangen und von Gott auferweckt worden, damit wir darauf vertrauen, dass Gott auch dann da ist und uns nahe sein will, wenn wir gerade denken, einsamer, verlassener und hilfloser könnten wir nicht sein. Es ist ein Geschenk, mitten in Angst, Sorge und Not erfahren zu dürfen, dass man nicht allein ist. Da sieht jemand unsere verzweifelte Lage und stellt sich uns zur Seite. Der zum Engel für uns wird, zum Gottesboten. Oder da passiert etwas, was uns zum Zeichen wird.                          

Dafür möchte ich ein Beispiel erzählen: Eine Mutter hat ihren Sohn durch einen Verkehrsunfall verloren. Er ist mit dem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Niemand konnte erklären, was letztlich zu dem Unfall geführt hat. Es war einfach passiert. Ihr Sohn war sofort tot. War das ein Trost, dass er sofort tot war? – Viele Menschen haben nachgefragt und ihr Beileid ausgesprochen. Immer wieder musste sie erzählen. Aber nichts und niemand konnte sie trösten. Sie blieb einsam mit ihrer Trauer. Als sie das nicht mehr ertragen konnte, fuhr sie zu der Unfallstelle. Dahin, wo ihr Sohn sein Leben lassen musste. Vielleicht konnte sie dort mit ihm allein sein, dachte sie. Vielleicht war er ihr dort nahe? An der Unfallstelle war ein Kreuz aufgestellt worden. Und es gab Blumen und Kerzen. Die vorbeifahrenden Autofahrer, die den Ort nicht gleich als Unfallstelle erkannten, dachten sicher: „Was macht die Frau da? Ist die verrückt geworden?“ Die Frau stand dort und weinte. Ihr Sohn war tot. Es war aus und vorbei. So viele wollten sie trösten, aber keiner konnte ihr das Gefühl der Einsamkeit nehmen. Auch der Himmel über ihr schien geschlossen durch eine graue Wolkendecke. `Wo bist du? - Warum?` dachte sie immer wieder. Auf einem Mal spürte sie Tropfen auf ihrem Gesicht. Sie schaute nach oben. Es begann zu regnen. Die Tropfen wurden stärker. Sie spürte, wie sie nass wurde. Und auf einem Mal fährt es ihr durch den Sinn. Es ist, als wenn durch den Regen jemand zu ihr spricht und sagt: „Der Himmel ist dir nicht verschlossen.“ Nein, der Himmel hat sich geöffnet. In diesem Moment. Nur für sie. Wie eine Botschaft ist dieser Regen. Nur für sie und ihren Sohn, um den sie trauert. Eine Botschaft, die von weit her kommt, aber sie doch hautnah erreicht. Unumstößlich und mit einer überraschenden Gewissheit. Nein, niemand versteht das außer ihr. Für die vorbeifahrenden Autofahrer ist es ein Regenschauer. Aber für sie ist es auf einem Mal ein Zeichen. Es ist, als wenn jemand sie bei ihrem Namen gerufen hat und ihr sagt: „Er ist nicht tot. Er lebt.“ Und diese Regentropfen, die verbinden sie miteinander. Für diesen Augenblick ist sie nicht mehr einsam. Ihr Sohn ist nicht mehr hier, aber er lebt. Und dieser Regen, an dieser Stelle, ist das Zeichen. Das lässt sie auf einmal gewiss werden. Sie möchte nach Hause, es jemanden erzählen, was ihr gerade Gewissheit geworden ist. Aber mit wem wird sie darüber sprechen können? Wer wird verstehen, was sie in diesem Augenblick empfunden hat? Das sie herausgerufen wurde aus ihrer Trauer und Einsamkeit. Dass Ihr bewusstwurde, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten hat.

Das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Gott kennt und liebt seine Menschen über den Tod hinaus. Jesus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zum Himmel geöffnet. Dass wir das glauben können, wird uns geschenkt. So wie der Frau in der Geschichte die Gewissheit, dass ihr Sohn lebt geschenkt wird durch den Regen geschenkt wird. So wie Menschen manchmal zu rettenden Engel werden. Das passiert, weil sie genau hinschauen und aufmerksam für andere sind.

Noch einmal: Glauben kann man nicht machen oder anderen befehlen. Glaube wird geschenkt. So bleibt das christliche Zeichen des Kreuzes immer ein Ärgernis für die, die nicht glauben, aber ein Zeichen der Verbindung zu Gott für die, die glauben.

Ich möchte schließen mit der schönen Vorstellung von der Verlängerung der Kreuzesbalken. Zieht man sie in die Weite und in die Höhe und Tiefe, können sie die ganze Welt umspannen. Die Botschaft vom Kreuz, Jesus Christus, hält die Welt zusammen. Wir sind umspannt von der Liebe Gottes in Jesus Christus. Amen

 


 

Ein Wort zum Sonntag (27. Juni 2021)

von Pastor Georg Ziegler

Wenn der Vater gestorben ist, oder: Der Fluch der bösen Tat

Leider kommt es immer wieder vor: Nach dem Tod der Eltern zerstreiten Geschwister sich heillos. Das Erbe ist mitunter der Anlass, manchmal auch der Eindruck, der Vater oder die Mutter habe eines der Kinder bevorzugt. Vermeidlicher Liebesentzug der Eltern und Neid der Geschwister untereinander führt dann zu einem Bruch in der Großfamilie. Jahrelang sprechen ihre Mitglieder nicht mehr miteinander.

Das haben Sie vielleicht auch schon beobachtet oder gar erlebt.

Für solche Zustände gibt es eine spannende Geschichte in der Bibel – mit Happy End.

Der Erzvater Jakob hat 12 Söhne, und er hat einen Lieblingssohn: Josef. Ein Merkmal dafür ist ein buntes Kleid, das der Vater ihm schenkt. Zudem hat Josef bedeutsame Träume. Ihre Deutung beinhaltet, dass seine Brüder sich vor ihm verneigen; dabei sind sie (fast) alle älter als er. Es muss den Brüdern wie eine Frechheit vorkommen. Entsprechend sauer sind sei auf ihn. Als sich die günstige Gelegenheit ergibt, täuschen sie dem Vater gegenüber Josefs Tod vor und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Damit scheint das „Problem“ für sie gelöst und er macht ihnen keine Konkurrenz mehr beim Vater.

Nun haben die Brüder Gott nicht miteinbezogen in ihre Überlegungen. Gott hält zu Josef. Von Gott sind schon die Träume gekommen. Gegen alle bösen Absichten und Pläne (sowie Verwicklungen) führt Gott Josefs Weg bis an die Seite des Pharaos, dem er seine Träume deuten kann. Die drohende Hungersnot wird durch Josefs herausgehobene Stellung, die er vom Pharao bekommen hat, in Ägypten verhindert.

In Israel jedoch trifft sie alle, auch Josefs Brüder und Eltern. Notgedrungen schickt der Vater seine Söhne nach Ägypten zum Einkauf von Getreide. Nach weiteren Verwicklungen gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen. Es geht sogar noch weiter: Er vergibt ihnen ihre böse Tat. Zudem dürfen sie mit ihrer ganzen Großfamilie in Ägypten bleiben. Auch der Vater wird hergeholt und trifft im hohen Alter seinen totgeglaubten Sohn wieder.

Als nun Jakob, der Vater gestorben ist, bekommen es die Brüder erneut mit der Angst zu tun und erfinden eine Lüge: Ihr Vater hätte gesagt, Josef solle ihnen vergeben. Als es Josef hört, ist er traurig, weil seine Brüder es auf sein Wort hin nicht geglaubt oder ihm nicht vertraut haben. So zieht die ursprüngliche böse Tat nun eine Lüge nach sich.

Josef steht allerdings darüber und sieht einen größeren Sinn. Er sagt zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich zu erhalten ein großes Volk.“

So bekommt die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ihr Happy End. Dafür gibt es keine Garantie. Der Hinweis aus der Geschichte am Ende ist jedoch bedenkenswert: Gott gedachte es gut zu machen. Jedenfalls hier hat Gott das schlimme Verhalten der Brüder im größeren Ganzen zu einem guten Ende geführt. Die Tat macht es kein bisschen besser. Sie bleibt verwerflich und ein krasser Verstoß gegen Gottes Gebot und Willen.

Gott ist dennoch in der Lage, manche böse Tat zu etwas Gutem zu nutzen. Wir können darüber nichts wissen, allenfalls im Nachhinein etwas erkennen. Nie jedoch kann es als Begründung für eine böse Tat gebraucht werden. Es würde die eigene Verantwortung leugnen und wäre zudem hochgradig zynisch.

Trotzdem verbinde ich mit dieser Geschichte die Hoffnung, dass zumindest manches, was ich falsch mache, von Gott noch in irgendeiner Weise für etwas Gutes genutzt werden mag.

Josef hilft zudem vielleicht in ein paar Familien, alten Streit und schwelende Konflikte aus dem Weg zu räumen. Wir sehen an Josef dabei ganz klar: Es braucht die Bereitschaft zum Vergeben – meistens auf beiden Seiten.

Ich wünsche Ihnen eine friedvolle Zeit!

Georg Ziegler, Pastor

Ein Wort zum Sonntag (20. Juni 2021)

von Pastorin Susanne Bömers

Vom Verlieren – Suchen –  Finden --- Und Sich-Freuen

Eine Freundin erzählt mir am Telefon, daß sie wieder einmal ihren Schlüssel verloren habe.

Das ist ein Drama bei ihr, ein wirklich wunder Punkt. Wie oft habe ich es selbst miterlebt – Panik bricht aus, der Schlüssel, wo ist er?? Glücklicherweise hilft oftmals ihr Sohn, den Schlüssel zu finden. Inzwischen wurde regelrecht eine Strategie „erarbeitet“: An dem Schlüssel befindet sich nun ein langes breites rotes Band, lang genug, um am Rand aus der Handtasche zu gucken, wenn der Schlüssel darinnen ist. So genügt vor dem Fortgang ein Blick – ist das rote Band zu sehen?

Welche Erleichterung, welche Befreiung ist bei dieser Freundin spürbar, wenn der Schlüssel – einmal wieder abhanden gekommen – wieder da ist. Gefunden! Alles in Ordnung!

Wenn es um ein Lebewesen geht – zum Beispiel ein Schaf, wie in dem Evangeliumstext, der diesen Sonntag gehört und bedacht werden wird (Lukas 15 – lohnt sich sehr, zu lesen!) – dann ist es noch ungleich schlimmer. Dem Tier – oder gar einem Kind… oder…- könnte etwas zugestoßen sein; es könnte sich verlaufen oder verletzt haben oder sogar den Tod erlitten haben. Panik kann ausbrechen, zumindest große Sorge. Aber da ist Hilfe: der Sohn, der Hirte, ein Licht….

Welche Erleichterung, welche Befreiung, wenn das Tier, der Mensch wieder gefunden wurde, was für ein Anlaß zur Freude! Man könnte es direkt zusammen feiern.

Was oder wen haben wir während der lang anhaltenden Corona-Krise verloren?

Da seien Freundschaften auseinandergebrochen, ist zu hören, Familien haben sich untereinander verstritten wegen unterschiedlicher Meinungen zu den von der Regierung verordneten Regeln, Verboten und Maßnahmen. Menschen sind verzweifelt aus Kontaktmangel oder wegen eines wirtschaftlichen Einbruchs oder gar Ruins. Migranten konnten nicht mehr sorgfältig betreut werden.

Manche haben ihr Vertrauen in die natürlichen Abwehrkräfte verloren, manche ihr Vertrauen in den Staat, manche wissen nicht mehr, welchen Nachrichten oder Informationen sie trauen können. Vielleicht haben wir auch ein Stück echte Toleranz verloren? Andere Meinungen, auch solche, die uns befremden, gelten zu lassen? Anzuerkennen, wie verschieden Menschen denken und wie verschieden ihre Erfahrungen sind? Sehr schlimm, wenn Menschen das Vertrauen in den Sinn ihres Lebens oder eine echte Lebensmöglichkeit verlieren…. ! Schlimm, wenn Menschen Sozialkontakte und die Freude an Kontakten verlieren und manchmal eher Angst vor Begegnungen mit anderen Menschen haben.

Was für eine Erleichterung, wenn Menschen endlich wieder zusammen sein dürfen – eigentlich ja etwas Ur-Menschliches. Und da ist Hilfe: andere Menschen, gute Gedanken, der große Hirte….

Was verloren ging, läßt sich oft, meist (?), wiederfinden.

„Suchet, so werdet ihr finden“, heißt es lapidar in der Bibel (Matthäus 7, 7)

Das ist oft leichter gesagt als getan. Und ist oft mit Arbeit verbunden. Da suchen, hier suchen; nachdenken- wo könnte es sein – wie könnte ich es machen – oder: wodurch könnte man neuen Mut, neue Zuversicht, neue Freunde, alte Kraftquellen, einen neuen Job, ein neues Zuhause… finden oder wiederfinden? Und – wo, wie finden wir Lebensfreude?? Darauf zielt es letztlich. Finde etwas, das Dir und anderen – euch – Freude bereitet. Vielleicht etwas, das schon da war – wieder belebt. Vielleicht etwas bisher unbekanntes, gewagt, entdeckt, gefunden.

Das wünsche ich Ihnen: „Werft euer Vertrauen nicht weg!“ (Hebräerbrief 10, 35):

Suchen --- Finden--- und dann die Freude!                   

Herzlich, Ihre Pastorin Susanne Bömers

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