Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (9. Mai 2021)

von Pastor Henning Mahnken, OHZ

Wenn Worte meine Sprache wären, Gott, ich hätte dir schon gesagt, in all den schönen Worten, wie viel mir an dir liegt. Doch so oft fehlen mir die Worte. Dann hab ich die Worte nicht, dir zu sagen was ich fühl. Dann bin ich ohne Worte. Ich finde die Worte nicht. Ich hab keine Worte für dich.
Es gibt Tage, da suche ich dich. Menschen sagen, du wohnst im Himmel. Gott, ich frage mich, wo ist dein Himmel? Wie sieht er aus? Als Kind dachte ich, du sitzt auf einer der vielen weißen Wolken. Als ich in ein Flugzeug stieg, wurde ich enttäuscht. Dort oben in den Wolken warst du nicht. Ist dein
Himmel nicht der, den wir sehen?
Manchmal sagt man ja auch, der Himmel sei hier auf Erden. Bist du hier auf Erden, Gott? Ja, das glaube ich. Muss ich dich hier suchen? Wie finde ich dich? Kann ich nach dir rufen? Brauche ich dafür bestimmte Worte? Und wenn mir die Worte fehlen, entgehst du mir dann? Entgeht mir dann der
Himmel auf Erden?
Gott, manchmal habe ich keine Worte, weil ich aus dir nicht schlau werde. Ich frage mich so oft: Was ist dein Wille? Wenn ich mich so umschaue in der Welt – willst du all das, was hier um uns herum passiert? Ich tue mich damit schwer zu glauben, dass du das wirklich willst. Nein, wenn ich mir dein
Reich vorstelle, dann erinnert es mich an Leichtigkeit, die ich noch nicht gefunden habe. Wenn der erste Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, dann denke ich: Dies muss doch dein Wille sein.
Gott, auch wenn ich nicht weiß wie es geht, ich möchte an deinem Reich mitbauen. Zeige mir, was ich tun kann und schenk mir die richtigen Worte im richtigen Moment.
Damit ich das tun kann bitte ich dich, um all das, was ich zum Leben brauche. Das Nötige: Essen, Trinken, Kleidung und in diesen Tagen wird es mir noch einmal ganz besonders wichtig: Gesundheit.
Das bitte ich nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Wenn ich mich in der Welt umschaue und sehe, wo das nötigste fehlt, dann lässt mich das manchmal einfach verstummen. All die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt machen mich sprachlos. Mir fehlen die Worte.
Gott und manchmal verstumme ich einfach wegen mir selbst. Ich gebe mir mit meinem Handeln so viel Mühe. Und doch mache ich Fehler. Nicht absichtlich, sie passieren einfach so. Für einen Moment nicht nachgedacht und schon ist das falsche Wort über meine Lippen gepurzelt. Da sage ich manchmal einfach besser gar nichts mehr. Manche sagen, du könntest nicht hinter die Mauer sehen und mein Inneres würde dich kalt lassen. Ich hoffe, dass das anders ist. Ich glaube, dass du in mein Inneres blicken
kannst. Dass du siehst, dass ich manches gar nicht so meine, wie ich es sage. Du hörst all die Vorwürfe, die ich mir manchmal mache: „Hätte ich dies doch gelassen.“ Oder „Hätte ich jenes bloß getan.“ Nein,
sie lassen dich bestimmt nicht kalt.
Gott, ich bitte dich um Gelassenheit und Nachsicht mit mir. Auch ich will versuchen nicht jedes Wort meiner Mitmenschen auf die Goldwaage zu legen. Denn ich weiß ja selbst, wie es ist. Man hat nicht die richtigen Worte und schon ist etwas gesagt, das man gar nicht so gemeint hat.
Manchmal, Gott, hab ich keine Worte, weil ich das Gefühl hab mich selbst nicht wiederzuerkennen.
Dann tue ich Dinge, die ich eigentlich gar nicht tun will. Ich weiß, dass sie falsch sind und tue sie trotzdem. Ich merke, da lenkt mich wer anderes. Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich scheine mich selbst zu verlieren. Gott, sei du da. Ich bitte dich, zeige mir immer wieder den Weg zurück. Zurück zu dir,
zurück zu mir. Sei du die, die mich zurückholt, wenn ich mich verloren hab'.
Gott, ich bitte dich: Schenk mir die Worte, die ich nicht habe.
Lass mich erkennen, wo dein Himmel ist.
Zeige dich mir, wenn ich mich klein fühle.
Gib mir die Erinnerung an Leichtigkeit und das Gefühl vom ersten Sonnenstrahl nach langem Regen.
Vergiss nicht, was wir zum Leben brauchen.
Sieh du hinter meine Mauern und erkenne, wer ich bin.
Und wenn ich mich zu verlieren scheine, hole mich immer wieder zurück.
Gott, wenn Worte meine Sprache wären, würde ich in all diesen Momenten zu dir sprechen. Dir sagen, was ich fühl.
Oft fehlen mir die Worte: Dann ist alles leise.
Ich bin dankbar, dass dann deine Stimme da ist, die mir die Worte schenkt:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name
Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld.
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Ein Wort zum Sonntag (2. Mai 2021)

von Pastorin Anke Diederichs

Wort zum Sonntag Kantate, 2.5.2021

Gott loben mit Singen, dafür steht der heutige Sonntag Kantate. Im 2. Jahr der Corona-Pandemie ist Singen immer noch nicht gestattet. „Du meine Seele singe….“ – Nein, das darf sie nicht. Aber beten. „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“. So beginnt Psalm 103.      Und dann noch mal: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Zweimal fordert der Beter die Seele auf, Gott zu loben. Als wenn er ein bisschen Druck machen will.

 Das macht mich nachdenklich. Ein Beter spricht mit seiner Seele wie mit einem Gegenüber.  Ich weiß, wir Menschen können die Seele nicht sehen und anfassen und doch hat jeder Mensch eine Seele und sie ist einzigartig und kostbar. Sie ist der Ort für das unverwechselbare Wesen eines Menschen.

Der Beter findet also, dass die Seele zuständig dafür ist, Gott zu loben und das geht scheinbar nicht von selbst. Zweimal muss er sie dazu ermuntern.

Es erinnert mich daran, wie ich mich selbst immer wieder ermuntern muss, zum Gottesdienst zu gehen oder zur Chorprobe oder zum Sport. Denn ich weiß, dass es mir danach besser geht. Weil ich alles andere einmal losgelassen habe und der Seele Freiraum und Spielraum gegeben habe. Freiraum und Spielraum zum Loben im Gottesdienst, zum Singen im Chor und zum Fliegen beim Sport. Auf wundersame Weise werden mir dadurch neue Kräfte und neuer Mut geschenkt.

Für das Gegenteil von Loben brauche ich keine Ermunterung. Stöhnen, Meckern, Klagen und die Schuld gerne erst mal auf andere schieben, das passiert von allein.

Allerdings rutscht mir das „Gott sei Dank“ auch spontan aus dem Mund, wenn mir „Großes widerfährt“. So wie bei der Geburt unseres zweiten Enkelkindes, das gesund auf die Welt gekommen ist.                                                                                                                                                                                 Der Beter erinnert mich daran:  Es braucht eine Haltung, um Gott zu loben und er macht klar, wozu  die Seele da ist: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,“ (Psalm 103,2.3.4)

Das ist die Basis, die uns als Glaubende verbindet. Wir leben in der Gemeinschaft der Glaubenden im Vertrauen darauf, dass Gott uns liebt und wir daher auch lieben können.

„Gibt es Gott -  noch?“ fragte ein fünfjähriges Mädchen seine Mutter eher beiläufig während einer Autofahrt. „Natürlich gibt es Gott.“ antwortet die Mutter. „Bis alle tot sind.“ erwidert das Mädchen darauf hin. Das Mädchen fragt, weil es unsicher ist. Es ist auf dem Weg, die Welt und sich zu entdecken und zu begreifen. Sie bekommt eine Antwort auf ihre Frage. Frage und Antwort stehen für Beziehung. Gott wird lebendig in Beziehungen. Der Glaube lebt in Beziehung. Ob die Eltern mit ihr beten?  „Müde bin ich geh´ zur Ruh…Vater lass die Augen dein über meinem Bette sein.“ „Vaterunser im Himmel..“ Ob sie das mit ihr einüben, so wie meine Eltern das mit mir gemacht haben?

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen“ Unzählige Male habe ich den Psalm gebetet und gesungen und inzwischen verbinde ich mit den Worten Erinnerungen an Menschen, die mir wertvoll sind damit.

 Kürzlich ist ein Freund überraschend nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. In der Anfangszeit unserer Freundschaft vor 40 Jahren hatten wir uns öfter über unser Aufwachsen im christlichen Elternhaus ausgetauscht, über die Traditionen und Rituale mit denen wir groß geworden waren.  Diesen Psalm hatte er sich für seine Trauerfeier ausgesucht. Das hat mich sehr getröstet. So bleiben wir miteinander und mit Gott verbunden in der Hoffnung auf das ewige Leben. Amen

Ein Wort zum Sonntag (25. April 2021)

von Pastor Georg Ziegler

Dem unbekannten Gott

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ lautet ein Spruch für umsichtiges Verhalten. Solches Verhalten hat es immer schon gegeben. So erzählt die Apostelgeschichte davon anlässlich eines Besuchs von Paulus in Athen. Denn dort findet er einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gotte!

Den Griechen sind ihre Götter sehr wohl bekannt gewesen. In der damals bereits interkulturellen Situation des Römerreichs haben sich jedoch zumindest in den Städten viele verschiedene kulturelle und religiöse Einflüsse gesammelt und teilweise beeinflusst. Den Überblick zu behalten, ist dabei schwer. Um keinen Gott zu vergessen oder beleidigen, macht ein solcher Altar durchaus Sinn.

Wir können es in unserer Zeit bestimmt gut nachvollziehen. Mit der Globalisierung und den vielen Wanderungsbewegungen von Menschen (Flucht, Vertreibung, blanke Not) erleben wir ebenso viele verschiedene Einflüsse. Neugierige Menschen schauen dabei über den Tellerrand ihrer eigenen Prägung. Das ist erst einmal sinnvoll. Am Ende muss dann jeder Mensch selbst entscheiden, wo er für sich selbst Halt und Geborgenheit findet.

Paulus knüpft mit seiner Rede bei der Verehrung für den unbekannten Gott an. Seinen Zuhörern beschreibt er den biblischen Gott als den unbekannt von den Athenern verehrten Gott. Als er dabei auf die Auferstehung eingeht, wenden sich die Athener überwiegend ab. Es scheint so, als würde eine Mischung aus Realismus, Skepsis und religiösem Bedürfnis zwar ihr Interesse wecken, aber die Botschaft von der Auferstehung eine Überforderung darstellen.

Bis auf wenige scheitern die Athener an der zentralen christlichen Botschaft. Denn mit Tod und Auferstehung Jesu Christi beginnt das Christentum. Christlichen Glauben gibt es nur mit dieser Botschaft.

Ähnlich den Athenern damals sehe ich auch heute ein breites Bedürfnis nach religiösem Erleben, nach Spiritualität. Das Naheliegende, die christliche Botschaft von Jesus Christus, ist manchen Zeitgenossen fremd geworden. Sie suchen an anderer Stelle. Ich wünsche es allen Menschen, dass sie für sich eine gute Lösung finden. Irgendwann muss jeder Mensch hierzu eine Entscheidung treffen. All denen, die noch auf der Suche sind, wer denn wohl ihr unbekannter Gott sein möge, können wir als Christen die gute Botschaft von Jesus Christus anbieten. Vielleicht stimmen sie dann mit ein in den Osterjubel über die Auferstehung. Diesen Jubel nimmt der kommende Sonntag mit seinem Namen bereits auf: Jubilate!

Stimmen wir mit ein in den fröhlichen Jubel!

 

Georg Ziegler, Pastor

Text: Apostelgeschichte 17,22-34

Ein Wort zum Sonntag (18. April 2021)

von Pastorin Birgit Spörl

Wort zum Sonntag Miserikordias Domini 18.4.2021

Psalm 23

Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Der heutige Sonntag trägt den Namen: Misericordias Domini, das heißt: Barmherzigkeit Gottes.

In vielen Texten für diesen Sonntag wird das Bild vom guten Hirten zur Sprache gebracht und ausgelegt.

 

Der Psalm 23 ist vielen vertraut und bringt etwas zum Klingen.

Psalmen gehören zu den ältesten Gebeten, mit denen wir als Christen gemeinsam mit Juden unseren Gott anbeten. Und wenn wir den Psalm 23 beten, dann machen wir uns die Bilder und die Sprache des Psalmes zu eigen: Der Psalm nimmt mit auf einen Weg durch die Bilder der Natur.

Wir sehen auf einen guten Hirten, der dafür sorgt, dass es an nichts fehlt.

Wir betrachten und lauschen auf die grünen Wiesen und die frischen Bäche, die den Betenden stärken und erfrischen.

Wir schauen auf den Weg, der durch ein dunkles Tal führt, aber auf einer weiten Wiese endet, wo der Hirte wartet und für alles sorgt.

Mit seinem Hirtenstab und einem kräftigen Stock ist er bereit, die Seinen vor den Angriffen der Feinde zu beschützen.

Und dann steht da ein vorbereiteter Tisch; dort ist ein Essen zubereitet, und der Beter spürt: Ich werde bewirtet. Für mich ist gesorgt. Ich habe ein Zuhause.

 

Der Psalmbeter beginnt, indem er Gott und Gottes gutes Tun mit vielen Sätzen beschreibt.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er erfrischt meine Seele.

Er führt mich auf der richtigen Straße, um seines eigenen Ansehens willen.

 

Er beginnt mit dem Lob Gottes. Und indem er das tut, schaut er zuerst nicht auf sich selbst, sondern auf den Gott, auf den er sich bezieht. Er setzt sich in ein Verhältnis zu Gott und weiß, dass Gott größer ist als das, was er gerade denkt und fühlt.

Er beschreibt Gottes gutes Tun, weil Gott Gott ist und er nur ein Mensch, und weil Gottes Güte größer ist, als sein eigener Verstand es fassen kann. Er bettet seine eigenen Erfahrungen ein in den großen Strom der Erfahrungen seines Volkes Israel.

 

Etwas fällt auf, wenn wir dem Psalm folgen: Der Psalm wechselt von der dritten Person zum Du. In einem Aufsatz oder einem Gedicht in der Schule würde das vielleicht kritisch beäugt.

Hier aber ist es so wie bei vielen Psalmen: der Beter wechselt ganz unbekümmert zwischen Anrede und Beschreibung, Aussagen über Gott und Gespräch mit ihm hin und her.

Und das hat seinen Sinn:

Der Umschwung zum Du kommt da, wo es um sein eigenes Leben, seine Not geht.

„Und ob ich schon wanderte im finstren Tal“ – da stehen ganz unmittelbar Bilder vor Augen, eine dunkle Schlucht, ein finsterer Waldweg. Und das Bild verbindet sich mit Erfahrungen des eigenen Lebens. Ein dunkles Tal: Der Verlust eines Menschen, der einmal unser Leben geteilt hat. Eine Zeit der Krankheit, die wie eine dunkle Wegstrecke des Lebens wirkte und noch wirkt. Zeiten, in denen die Frage, ob die Kinder eine Arbeit finden und was sie anfangen in ihrem Leben bedrückend waren.

Du bist bei mir: Gott selbst wird angesprochen in dem Moment, wo der Psalmbeter sein Elend, seine eigenen dunklen Wegstrecken ansieht.

Und dann hören wir ein kräftiges: Ich fürchte kein Unglück, dein Stecken und Stab trösten mich.

Wie staunend entdeckt ein betender Mensch Gottes Wirken mitten in seinem eigenen Leben.

Weiß sich bewahrt, geführt und geschützt. Es ist sicher kein Zufall, dass da die Vergangenheitsform steht. Im Blick zurück, in der Ruhepause des Gebetes ist es dem Psalmisten möglich, den eigenen Weg zu sehen und Gottes Begleitung darin aufzuspüren.


 

Ein Wort zum Sonntag (04. April 2021)

von Pastor Gert Glaser

Gedanken zum Predigttext des Sonntags Quasimodogeniti, Johannes 21,1-14

Obwohl Jesu Kreuzweg im Triumph endete, dauert der des Petrus an. Nach dessen erfolglosem nächtlichen Fischzug fordert ihn ein Unerkannter am Ufer auf, es noch einmal zu versuchen. Voller großer Fische droht das Netz zu reißen. Petrus wirft sich vor Scham in den See. Erst viel später, als er von Jesus beauftragt wird, die „Lämmer zu weiden“, beginnt die Tapferkeit des Petrus.

Ein Mann unserer Tage ist erst Anfang vierzig, als sein Kreuzweg beginnt. Erst stirbt sein Bruder, nur wenige Tage später stirbt seine Ehefrau. Beide sind eigentlich zu jung zum Sterben, wie man so sagt. Nur fünf Jahre dauerte die Ehe. Dann ist er alleine mit seinen Kindern. Ein schwerer Weg war das für Herbert Grönemeyer. Er ist ihn gegangen, musste ihn gehen. Vieles muss man, auch wenn man es nicht will. Am 12. April wird Herbert Grönemeyer 65 Jahre alt. Seit fünf Jahren ist er wieder verheiratet. Einer der berühmtesten und beliebtesten deutschen Sänger lebt wieder mit Hoffnung und Zuversicht.

Aber ich frage mich: Wie schafft man das? Wie geht man einen Kreuzweg? Das ist die Frage aller Fragen. Glück schaffen wir meist ganz gut. Manche klopfen sich selbst auf die Schulter und meinen, sie hätten ihr Glück selber gemacht. Irrtum: Glück wird uns gegeben. Wie Schmerz und Leid über uns kommen. Das Leben ist nicht fair, singt Grönemeyer in seinem Lied „Der Weg“. Aber wie lebt man mit der „Unfairness“ des Lebens?

Es gibt kein Rezept für Tapferkeit. Vielen hilft Reden, Erzählen. Bloß nicht stumm bleiben. Bloß nichts in sich hineinfressen. Reden und Weinen, das hilft ein wenig. Gott Vorwürfe machen hilft auch. Was will er von mir? Was hat Gott mit mir vor? Das alles muss raus und soll nicht in mir wühlen. Verdrängtes und Verschlucktes wird nur schlimmer. Um Hilfe bitten, wenn’s schwer wird, hilft mehr. Die Nachbarn fragen, die Freunde; Gott selbstverständlich. Die sollen sich kümmern. Sollen mir ein bisschen von ihrer Zeit und ihrer Geduld schenken.

Und immer wieder: Erzählen. Sich selber. Denen, die einem nahestehen - und Gott. Auch an Gräbern kann man reden. Verstorbene hören an dem Ort zu, an dem sie jetzt sind. Wer nicht verzweifeln will, darf nicht verstummen. Das braucht Tapferkeit. Ein schweres, aber auch ein schönes Wort: Tapferkeit. Es ist keine Antwort auf schwere Fragen. Aber eine Haltung. Ich will möglichst aufrecht bleiben, darf nicht nur weinen; ich will noch ein wenig für mein Leben und meine Lieben sorgen. Für heute, dann für morgen, ein Schritt nach dem anderen. Ich will auch die Hände falten, ganz fest. Jesus will das, dieses Tapfersein. Er beauftragt Petrus bald nach dem erfolglosen Fischzug: Kümmere dich um andere; weide meine Lämmer. Bleibt nicht im Dunklen, sondern seid tätig, auch wenn es im ersten Moment schwerfällt. Sorgt euch auch um andere, betet. Das macht Herbert Grönemeyer, der früh Witwer geworden ist. Danke, singt er, danke, dass es euch gab und gibt. Das macht auch Petrus, der die Glaubenden zusammenhält. Wir bleiben verbunden. Untereinander und mit Gott.

Gert Glaser, nach Michael Becker

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