Ein Wort zum Sonntag

Ein Wort zum Sonntag (17. Oktober 2021)

von Pastorin Birgit Spörl

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

kürzlich habe ich in einer Gruppe ein Spiel gespielt, in dem es nicht um Gewinnen oder Verlieren ging, sondern einfach darum, sich ein bisschen besser kennenzulernen. Reihum wurden ganz verschiedene Fragen gestellt: Über eine Einstellung zu einem Thema, oder zum Beispiel danach, was man als größte Erfindung der Menschheit betrachtet. Oder nach einem beeindruckenden Film.

Eine der Fragen war: was ist dir wichtiger: Sicherheit oder Freiheit?

Wie so oft bei entweder-oder Fragen, die etwas Großes runterzubrechen versuchen, kommt man erst mal ins Grübeln. Freiheit wobei? Sicherheit, was bedeutet das?

Die eine denkt über das sichere Einkommen nach, der andere darüber, was die Beziehung ausmacht. Jemand anderes hat vielleicht im Kopf, wie er am liebsten Urlaub macht. Was ist dir wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?

Auf Nummer sicher gehen ist uns vertraut: Wenn man nicht sonderlich auffallen will, geht man auf Nummer sicher. Ein Golf als Auto ist Nummer sicher und ein Jackett bei Feiern, wo man nicht weiß, ob die anderen sich schick machen oder ganz lässig kommen.

Nummer sicher ist auch: Nicht mehr als 10 km die Stunde über der Höchstgeschwindigkeit und das Hotel einer Kette buchen, die man schon kennt.

Aber was ist dann in diesen Dimensionen Freiheit? Ist es Freiheit, das es auf deutschen Autobahnen kein Tempolimit gibt, Freiheit, wenn ich allein mit dem Rucksack über Island wandere?

Wie steht es um Regeln, um Gesetze und Gebote?

Schränken sie Freiheit ein oder garantieren sie die Freiheit?

Diese Frage ist mir hängen geblieben beim Blick auf den Predigttext für heute.

Es geht darin um die Gebote Gottes. Und es geht um Freiheit.

Es ist eine kurze Episode, die man in der Bibelforschung Streitgespräche nennt.

Ich lese Mk 2, 23-28

Jesus und seine Jünger sind also wieder unterwegs. Sie haben kein zuhause, sie gehen weiter und unterwegs raufen die Jünger Ähren aus. Das heißt, sie gehen durch ein Getreidefeld, ziehen die Samen von den Halmen und kauen die Getreidekörner.

Die Pharisäer erheben Einspruch. Wo sie herkommen, warum die beiden Gruppen aufeinandertreffen, ist für den Evangelisten nicht wichtig, es geht um das Gespräch, das sich entspinnt. Die Pharisäer, die Glaubenstreuen des Judentums stoßen sich an so manchem, was Jesus sagt und tut.

Halt stopp sagen, sie warum tun deine Jünger am Sabbat, an unserem Ruhetag, was nicht erlaubt ist?

Nun mögen wir uns wundern, was daran nicht erlaubt ist: etwa das Essen?

Gerade wir in einer Kultur, in der der Sonntag sich durch Sonntagsbraten vom Alltag unterschieden hat, oder durch Kaffee und Kuchen am Sonntag?

Es ist nicht das Essen, sondern die damit verbundene Arbeit, die im Judentum als unangemessen gilt. In jüdischer Auslegung werden die Geboten Gottes gleichsam liebevoll ummantelt. Und so hat man zum Beispiel für die Sabbatruhe gesagt: Essen ist natürlich erlaubt, aber essen zubereiten nicht, denn das ist Arbeit.

Was auf der einen Seite den Hausfrauen mehr Freiraum geben sollte. Gleichzeitig führt es etwa in orthodoxen Haushalten bis heute dazu, dass bis zum Vorabend alles vorbereitet sein muss, ein zusätzlicher Stress.

Jesus reagiert auf die Frage. Er erzählt, dass der große König David als er noch nicht König war, einmal aus dem Tempel Brote zum Essen genommen hat, die eigentlich für ein heiliges Ritual den Priestern vorbehalten waren.

Er gab sie den Männern seiner Truppe zu essen. Und doch was er später der von Gott erwählte König.

Die kleine Anekdote mit den Schaubroten des Tempels zeigt zum einen, dass es in der Not immer um die Menschen geht, und nicht darum, Regeln zu folgen, selbst wenn sie geistlich sind. Erst das Brot, dann das Beten. Nicht anders herum. In der Not ist zu helfen, viele Geschichten von Jesus bekräftigen das.

Aber er sagt es auch ganz grundsätzlich: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch und des Sabbats willen.

Nun mag uns diese ganze Szene übertrieben klingen – was für ein Getue um ein paar Getreidekörner! Sollen sich mal locker machen, die Pharisäer!

Aber so oberflächlich sind die nicht und auch nicht böse. Dass sie sind, wie sie sind, verdanken sie ihrer besonderen Liebe zu Gott. Sie leben den Versuch, ihrem Glauben eine sichtbare Gestalt zu geben und ihre Liebe zu Gott als Treue zu seinen Geboten zu zeigen. In gewisser Weise sind heute vielleicht die orthodoxen Jüdinnen und Juden den Pharisäern der damaligen Zeit vergleichbar.

Und so sind die Gebote ernst zu nehmen, auch wenn sie vielleicht unpraktisch sind und hier und da einen Verzicht fordern. „Alles egal“ gibt es nicht für Pharisäer.

Die Ernsthaftigkeit ist ein Vorbild. Auch wir müssen uns, wenn wir über die Gebote nachdenken, ja dazu verhalten. Auch wir müssen klären, warum es gut ist, ihnen zu folgen.

Aber Jesus erinnert sie an die andere Dimension:

Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

Er weist die Glaubenden zurück daran, wofür die Gebote eigentlich da sind: um den Menschen in ihrem Zusammenleben eine Richtung zu geben. Darin loben wir Gott, dass wir uns ums gute Leben miteinander bemühen, nicht im buchstäblichen der Gebote.

Jesus erinnert daran, dass Gott den Ruhetag gegeben hat als Geschenk für die hart arbeitenden Menschen, damit sie zur Erholung kommen, zur Besinnung und auch zurück zu ihm.  

Der Sabbat, der Sonntag sollen ein Freiheitstag sein - frei von Verpflichtungen und Arbeit. Aber damit eben auch frei für Zusammensein, frei für Gott die Mitmenschen.

Und so ist es auch mit den anderen Geboten: das Eigentum der anderen zu achten, den Eltern mit Respekt zu begegnen, nicht morden usw. - alles grundlegende Regeln für ein gutes Leben.

So wie es für unser Zusammensein auch gut ist, dass es Gesetze gibt. Es wird niemanden verletzten, wen ich bei Rot über eine menschenleere Straße gehe. Aber schon die 25 km/h mehr auf einer Straße, können einen anderen Fahrer oder einen Fußgänger in Gefahr bringen.

Und: es ist gut, dass wir nicht an jeder Kreuzung erst diskutieren müssen, wer zuerst fährt, sondern dass die Straßenverkehrsordnung vorgibt: der von Rechts kommt darf erst fahren.

Ohne Regeln, ohne Gesetze ist das Zusammenleben schwierig – und am Ende würden sich diejenigen durchsetzen, die das Recht in ihre eigene Hand nehmen.

Zurück aber zu dem Gespräch über den Sabbat.

Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat sagt Jesus zuletzt – und das provoziert die Pharisäer. Denn da sagt Jesus: in mir ist Gott da. Mit mir bricht eine neue Zeit an, in der wir Gott nicht begegnen, wenn wir Gebote befolgen, wenn wir einen bestimmten Kult einhalten, sondern wenn wir diesem Menschen aus Nazaret folgen. Und in ihm ist das erste Gebot die Liebe.

Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst -so fasst Jesus das ganze biblische Gesetz zusammen.

Das gibt Spielräume der Freiheit. Wir werden mit den Augen der Liebe Jesu manche Gebote anders lesen als vor 2000 Jahren. Nicht, um uns selbst zu verwirklichen. Sondern um der Menschen willen, die zu uns und zu Gottes schöner Welt gehören.

Freiheit oder Sicherheit?

Mit Blick auf die Gebote würde ich sagen: wir sollten wir die Freiheit wählen. Aber nicht eine egoistische Freiheit, eine, die Regeln nur für den eigenen Vorteil gelten lässt. Sondern eine, die sich füllen lässt aus der Liebe, die Gott schenkt.

Ich glaube, dass es ein Kennzeichen evangelischer Freiheit ist, dass wir Leben aus der Liebe Gottes, dass wir durch Jesu Gegenwart in einer Freiheit leben, von der wir ohne ihn nicht wüssten. Und gerade in dieser Freiheit auf die Freiheit der anderen achten, die unsere Lebe und Hilfe brauchen.

Durch ihn nehmen wir auch alles andere aus Gottes Hand – Freundinnen und Freunde, Partner, Hoch-Zeiten, Kinder, Freizeit und Arbeit und die Herausforderungen, vor die wir gestellt werden.

Auch wenn das widersprüchlich scheint: Gerade wegen unserer Freiheit bleibt der Sonntag als freier Tag wichtig. Damit wir uns erinnern lassen, dass unsere Freiheit nicht im Einkaufen besteht, sondern im Genießen der von Gott geschenkten Fülle des Lebens – in Muße und Stille, in Freundschaft und Nähe, beim gemeinsamen Essen und feiern.

Amen

Ein Wort zum Sonntag (10. Oktober 2021)

von Pastor Henning Mahnken, OHZ

Ihr Lieben,

Neulich fiel mir mal wieder mein „Sonnenglas“ in die Hände, das ich von einer guten Freundin geschenkt bekommen habe. Es stand auf der Fensterbank hinter einer Gardine versteckt. Lange hat es keine Beachtung gefunden. Mein Sonnenglas, sieht aus wie ein ganz normales Einweckglas, bis auf den kleinen Unterschied, dass in seinem Deckel eine kleine Solarplatte eingebaut ist. Mit dieser kann das Glas also Energie speichern und schließt man dann mithilfe eines keinen Hebels den Stromkreislauf, wird mit eben dieser Energie das Glas beleuchtet. Durch die Deko in dem Glas selbst, ist das Licht warm und freundlich, eben genauso wie die Sonne an einem güldenen Oktobertag.

In diesen Tagen habe ich mein Sonnenglas wieder sichtbar auf die Fensterbank gerückt. Die Sonne steht tiefer als noch vor ein paar Wochen, die Tage werden spürbar kürzer und unsere Schatten länger. Ich merke, der Herbst ist da! Und mir wird deutlich, wie sehr nicht nur Blumen und Pflanzen Licht zum Leben brauchen, auch ich sehne mich nach einem goldenen Oktober mit möglichst vielen Sonnenstunden.

Und so habe ich mir angewöhnt, abends, wenn die Sonne verschwunden ist und es langsam dunkel wird, den Hebel an meinem Glas umzulegen. Auch wenn es ein bisschen geschummelt ist, indirekt lasse ich die Sonne ein bisschen länger scheinen. Allerdings ist auch das Licht in meinem Sonnenglas endlich. Ist die Energie, die durch die Solarplatte gespeichert wurde, aufgebraucht, geht natürlich auch das Licht in meinem Sonnenglas aus.

Wenn es dann wieder dunkel in meinem Wohnzimmer ist, denke ich manchmal, wie schön es doch wäre, könnte man das Sonnenlicht für immer speichern.

Ich glaube, auch Gott weiß, wie sehr wir Licht brauchen. So sagt Jesus im Johannesevangelium: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Das finde ich dann immer ganz beruhigend. Auch wenn nun die dunkle Jahreszeit beginnt, scheint Gottes Licht auch weiterhin für uns. Ich glaube, sein Licht ist ebenso freundlich und kraftspendend, wie das der Sonne. Es kann uns durch die trüben Tage tragen.

Uns allen wünsche ich, dass sein Licht uns besonders jetzt zum Beginn des Herbstes wärmend scheinen möge.

Bleiben Sie behütet,

Ihr und Euer Pastor Henning Mahnken

Ein Wort zum Sonntag (03. Oktober 2021)

von Pastorin Anke Diederichs

Matthäus 6,19-21: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.  Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Schätze im Himmel. Können Sie sich die vorstellen? Matthäus schreibt, sie würden nicht von Motten und Rost gefressen und nicht gestohlen werden. Wohl, weil solche Schätze nicht zum Anfassen sind. Aber was zeichnet sie dann aus? Was ist unzerstörbar und ewig haltbar? Ist damit der Glaube gemeint? Oder die Hoffnung, die Zuversicht, die Freude? oder Träume?                                                         

Glaube kann sich in Zweifel verwandeln, Hoffnung kann sterben und Träume können zerplatzen.                                                     

Schätze im Himmel. Sie haben es mit der Liebe zu tun. Wenn wir lieben, dann sammeln wir Schätze im Himmel. Das können Erinnerungen sein und Begegnungen, Zusammensein mit anderen Menschen. Gedanken, die wir einfach nicht vergessen können, die uns immer wieder einfallen und für die wir dankbar sind.

„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ scheibt Matthäus. Der größte himmlische Schatz ist dann vielleicht das Gottvertrauen, dessen ich mich immer wieder neu vergewissern muss, weil ich es ja nicht wie einen Gegenstand in der Hand halten kann.                                                                                                  

Es ist schon einfacher mit den irdischen Schätzen. Für den Erntedanksonntag sammeln wir die Früchte der Ernte, stellen sie auf und staunen und danken. Aber wir wissen auch: sie werden vergehen. Wir essen sie auf oder sie verrotten und werden wieder zu Erde.

In der Welt wird viel Geld verdient mit den Schätzen, die uns die Erde schenkt. So ein irdischer Schatz ist die Schönheit. Auch Schönheit ist vergänglich. Aber was wird nicht alles unternommen, um damit Geld zu verdienen oder Karriere zu machen. Alle Kulturen haben gemeinsam, dass der oder die mit Schönheit Gesegnete, begünstigt wird, erfolgreicher durchs Leben geht und angesehener ist. Zwar gibt es in jeder Kultur ein anderes Schönheitsideal, aber Schönheit geht jeden an.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ So fragt die Königin-Stiefmutter von Schneewittchen. Immer antwortet der Spiegel, dass sie die Schönste sei, bis Schneewittchen herangewachsen ist und vom Spiegel, der immer die Wahrheit sagt, für schöner befunden wird.                                                                                                                                      Damit beginnt das Drama. Die Königin ist alt geworden und kann es nicht einsehen. Sie wird zornig und ist neidisch und versucht drei Mal, Schneewittchen um zu bringen. Sie wird zu einer bösen alten unglücklichen Frau, weil ihr Herz an der Schönheit hängt. Was für ein schönes Beispiel für die Vergeblichkeit, sein Herz an irdische Dinge zu hängen. Man wird böse, einsam und unglücklich.                 

Die Königinschwiegermutter weiß nicht von der Liebe. Oder sie hat sie über ihren Schönheitswahn  vergessen.                                                                                                                                                                                  Sammelt Euch Schätze im Himmel, sagt Jesus. Wie geht  das?             

Hier eine Empfehlung: Liebe Menschen, trainiert eure Liebenswürdigkeit! Sie ist euch geschenkt. Schaut euch nur die kleinen Babys an – absolut liebenswürdig.                                                                            

Versucht darin zu wachsen: liebenswürdig mit euch selbst, mit euren Mitmenschen und mit Gott um zu gehen.                                                                                                                                                               Auch Wenn man alt ist, wenn man auf die Hilfe anderer angewiesen ist, kann man liebenswürdig sein. Die Liebenswürdigkeit ist ein Schatz, den Motten und Rost nicht zerfressen können. Sie ist eine Würde und Schönheit, die auch im Alter nicht zwangsläufig verloren geht.

Wir feiern Erntedankfest und danken Gott für die Gaben, die gewachsen sind, die wir ernten konnten und die uns zum Leben helfen.                                          Wir danken Gott aber auch für die Liebe, die uns himmlische Schätze sammeln lässt.

Amen.

Ein Wort zum Sonntag (26. September 2021)

von Pastor Henning Mahnken, OHZ

Manchmal habe ich Watte im Kopf. So fühlt es sich an.
Im Gespräch mit anderen wird mir plötzlich eine Antwort an den Kopf geworfen, mit der ich
nicht gerechnet hatte. Ein blöder Satz, ein verletzender Spruch und schon fühle ich mich wie
aus der Bahn geworfen. Konnte ich bisher noch gut mitdiskutieren, bin ich auf einmal völlig
verunsichert und weiß auf einmal nicht mehr, was ich antworten soll.
Ich versuche, Worte für das zu suchen, was ich gerne sagen würde, doch mir fällt nichts ein.
Ich schweige, entziehe mich vielleicht der ganzen Diskussion.
Doch die Situation lässt mich nicht los. Ich ärgere mich über das, was mir an den Kopf geworfen
wurde.
Und oft ist es so, dass mir dann zuhause die klugen Antworten einfallen. Da habe ich dann all
meine Argumente sortiert und weiß, was ich gut hätte sagen können.
Zuhause ist es dann aber oft zu spät.
Im Matthäusevangelium gibt es eine kleine Geschichte, die mir imponiert:
Jesus verließ Gennesaret und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück. Da kam eine
kanaanäische Frau aus dieser Gegend zu ihm. Sie schrie: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn
Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!« Aber Jesus gab ihr keine Antwort.
Da kamen seine Jünger zu ihm und baten: »Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.« Aber
Jesus antwortete: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.« Aber die
Frau fiel vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, hilf mir doch!« Aber Jesus antwortete: »Es ist nicht
richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.« Die Frau entgegnete:
»Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.«
Darauf antwortete Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll dir geschehen!« In
demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.
Weil ihr Tochter schwer krank ist, macht sich die Frau auf den Weg zu Jesus. Sie braucht Hilfe
für ihre Tochter.
Doch so einfach ist es nicht. Jesus schenkt ihr keine Beachtung. Erst einen Moment später
antwortet er ihr und seine Antwort ist ganz und gar nicht so, wie wir sie von Jesus kennen. Er
wendet sich ihr nicht einmal zu, sondern verkündet über ihren Kopf hinweg: Ich bin nur zu
Israel gesandt. Damit sagt er ihr: Für dich, die du nicht aus Israel kommst, kann ich nichts tun.
Doch die Kanaanäerin lässt sich nicht so leicht abschütteln. Sie bleibt dran und hakt noch
einmal nach. Trotzdem bleibt Jesus bei seiner Antwort. Mehr noch, er vergleicht die Frau sogar
mit einem Hund, der den Kindern das Essen wegnimmt.
Ich frage mich, wie hätte ich an ihrer Stelle reagiert? Hätte ich die Kraft aufbringen können,
einfach weiter zu argumentieren? Oder hätte mich die Antwort von Jesus so geplättet, dass
mir die Worte gefehlt hätten?
Wenn ich ehrlich bin, vermute ich, hätte mal wieder Watte im Kopf gehabt. Spätestens in dem
Moment hätte ich vermutlich den Rückzug angetreten.
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein bisschen mehr wie diese Frau. Manchmal hätte ich
auch gerne mehr Durchsetzungsvermögen. In so vielen Situationen würde ich gerne deutlicher
sagen, was mir wichtig ist.
Ich frage mich: Woher nimmt sie die Kraft? Wie schafft sie es, die Verletzung einfach
wegzuschieben?
Ich überlege, wie sie von Jesus erfahren hat. Sicherlich werden ihr andere Menschen von Jesus
erzählt haben. Sie werden ihr gesagt haben, wer er ist.
Und dann werden die Menschen ihr Mut gemacht haben. Sie werden sie bestärkt haben, dass
Jesus ihr helfen wird. Bestimmt haben sie ihr gesagt, dass sie keine Angst vor ihm haben muss.
Ich gehe davon aus, dass ihr die Erzählungen der anderen Menschen Kraft gegeben haben.
Durch diese Menschen sind ihre Hoffnung und ihr Glaube an Gott gewachsen. In ihrer Not ist
ihr Glaube so groß geworden, dass sie davon überzeugt ist, dass Gottes Liebe alle Grenzen
überwindet. Auch für sie, die nicht zum Haus Israel gehört, ist Gott da.
Dieses grenzenlose Vertrauen in Gott beeindruckt sogar Jesus.
Diese Geschichte zeigt mir, wir Menschen können uns gegenseitig bestärken und Mut
machen. Es tut gut, sich mit anderen auszutauschen, um Lösungen zu finden, die wir allein
nicht finden würden.
Und vor allem zeigt sie mir, es lohnt sich auf Gott zu schauen. Er ist ein Gott, der für uns da
ist. Er ist größer als wir manchmal glauben.
Seine Liebe zu uns überschreitet alle Grenzen. So ausweglos die Situation auch erscheinen
mag, er ist auf unserer Seite. Auf ihn können wir vertrauen.
Manchmal hilft mir der Gedanke, dass Gott an meiner Seite ist, wenn ich mal wieder Watte
im Kopf habe. Wenn mir mal wieder die Worte fehlen und ich nichts zu antworten weiß, dann
hilft es mir tief durchzuatmen.
Ich merke, dass ich ruhiger werden. Selbst wenn das nicht heißt, dass ich sofort immer eine
gute Antwort finde, spüre ich, dass ich diese unangenehme Situation besser aushalten kann.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gesegnete Woche. Bleiben Sie
behütet!
Ihr Henning Mahnken

Ein Wort zum Sonntag (12. September 2021)

von Pastor Gert Glaser

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn...“ (Lukas 17,5-6)

Ich saß im Sprechzimmer, der Ärztin gegenüber. Seit Wochen schon konnte ich nichts essen. Körper und Seele hatten sich verschlossen.

„Glauben Sie mir: Ich habe viele Menschen erlebt, die so verzweifelt auf diesem Stuhl saßen.“ Damit meinte sie nicht, ich sei für sie lediglich eine Nummer, einer von vielen, sondern: „Allen ist geholfen worden. Und so wird es auch Ihnen gehen. Dafür werde ich sorgen. Ja, dafür bete ich.“ Mich erreichten ihre Worte damals kaum. Eine Stimme aus einer fremden Welt, die sich vergeblich bemühte, zu mir durchzudringen. Die aber auch Verständnis für mein Verschlossensein zeigte und mich nicht unter Druck setzte.

„Vergessen Sie nicht: Wir sind nicht allein. Gott begleitet uns, und er lässt uns nicht fallen.“ Ich sah die Ärztin ungläubig an: „Das sagt mir mein Verstand auch. Aber zurzeit ist es für mich nur Theorie.“

Mittlerweile ist das 10 Jahre her. Es geht mir gut, sehr gut sogar. Damals haben mir Freunde geholfen. Auf einmal waren sie da, ohne zu fragen, ohne sich anzukündigen. Sie halfen mir im Haushalt, wo nichts mehr lief. Sie gingen mit mir spazieren, immer nur so weit, wie ich gerade konnte. Sie luden mich zum Mittagessen ein, als das wieder funktionierte. Und die Ärztin verstand ich erst, als diese zwischenmenschliche Hilfe mich wieder aufgebaut hatte.

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn...“ Selbst dieses Fünkchen Glauben, selbst dieses winzige Maß hat mir damals gefehlt. Seitdem blieb ich von schweren Schicksalsschlägen verschont. Mit zunehmendem Abstand begreife ich die Krise damals als Geschenk, ja als Befreiung. Vielleicht muss so manche Befreiung zunächst einmal durch Leiden führen. So erging es den Israeliten, die Gott aus der ägyptischen Sklaverei erlöste, aber erst einmal in die Wüste schickte. Nicht zufällig betrachtet die Bibel die Wüste als Ort lebensfeindlicher Mächte.

Ich hoffe, dass ich für künftige Krisen nach dieser persönlichen Wüstenerfahrung ein wenig besser gewappnet bin. Dass da ein Samenkorn bleibt. Eine heilsame Erfahrung, die ich notfalls wachrufen kann. Eine Erfahrung, die den grauen Vorhang der Depression zerreißt. Und dass dieser Riss dann wenigstens einen schwachen Lichtstrahl passieren ließe...

Zudem habe ich während meines Israelaufenthaltes die Wüste lieben gelernt. Ausgesprochen vielfältig ist sie, schroff und sanft. Sie schimmert in den verschiedensten Farben.

Heute freue ich mich auf das, was das Leben mir noch bringen wird. Ich weiß, dass es aus Gottes Hand kommt - und dass es gut sein wird.

Gert Glaser

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